2.
Kämpfer
Ring frei!
Malaien
In den 1970er-Jahren stieß man am Stadtrand von Wien auf eine alte Begräbnisstätte. Dort fanden die Archäologinnen und Archäologen mehr als 800 awarische Gräber von Männern, Frauen und Kindern. Die Awaren waren ein Furcht einflößendes Volk von Kriegern und Hirten, die aus der asiatischen Steppe stammten, im 6. Jahrhundert Richtung Westen wanderten und dabei unablässig plünderten und Gefangene nahmen. So beeindruckend ihr Leben war, so prachtvoll inszenierten sie ihren Tod mit Gräbern voller kostbarer Waffen, Gewänder und Schmuckstücke. Das Interessanteste daran waren jedoch die Überreste von Hühnern, die man in beinahe der Hälfte aller Grabstätten fand.
Anfangs ordnete man die Funde als Speiseopfer ein, da es verbreitete Praxis war, den Toten Proviant für ihre Reise ins Jenseits mitzugeben. Spätere Analysen der Knochen und Gräber offenbarten allerdings ein auffälliges Muster. Die Grabbeigaben waren geschlechtsspezifisch: Männer begrub man mit Hähnen, Frauen mit Hennen. Darüber hinaus zeigte die Knochenuntersuchung Parallelen in der Qualität der Ernährung: Hühner, die nahrhaftes Fressen bekommen hatten, waren mit ähnlich wohlgenährten Menschen begraben, das heißt, Individuen mit hohem Prestige besaßen offenbar Hühner, denen es nicht an Futter mangelte. Umgekehrt waren den Menschen mit niedrigem sozialen Rang Tiere zuzuordnen, deren Mahlzeiten frugaler ausgefallen sein mussten.
Viele der Hähne von hohem Rang waren zugleich überraschend alt (was man aus der Länge des Sporns am Fuß und anderen Eigenschaften des Skeletts schließen kann). Dies deutet darauf hin, dass sie von ihren Besitzern viel Zuwendung bekamen. Insbesondere einer der Hähne schien besser genährt als viele andere. Aus all den Auffälligkeiten schlossen die Forschenden eines: Da Grabfunde in der Regel den Wert widerspiegeln, den Menschen bestimmten Objekten und Tieren im Alltag schenkten, mussten die Awaren einen besonderen Bezug zu Hühnern gehabt haben. Welcher genau, ist schwer zu ergründen, doch er scheint sich von dem Verhältnis des Bauern zum selbst erzeugten Nahrungsmittel abzuheben.
Wir wissen ausgesprochen wenig über die Art und Weise, wie sich das Huhn nach seiner Domestizierung in Südostasien über die ganze Welt verbreitete. Es handelt sich um einen Vogel, der sich, geht es nach ihm selbst, nicht weit bewegt. Hühner fliegen nicht über längere Distanzen, und auch wenn sie im Wasser nicht sofort untergehen, sind sie nicht fürs Schwimmen gemacht.*1 Für die Allgegenwart des Huhns rund um den Globus muss der Mensch allein verantwortlich sein. Darüber hinaus müssen vor allem den Hähnen, nicht den Hennen, das erste Interesse des Menschen gegolten haben. Auch wenn man nicht genau weiß, wie männliche Hühner eingesetzt wurden, vermutet die Archäologie, dass sie aufgrund ihres natürlichen Kampfinstinkts und des farbenprächtigen Federkleids vor allem für zeremonielle und rituelle Zwecke eingsetzt wurden sowie als Kämpfer begehrt waren, weniger als Proteinquelle.
Bei Grabungen im heutigen Pakistan wurden viele Schätze einer der ältesten großen Städte der Induskultur, Mohenjo-Daro, zutage gefördert. Besonders bedeutend sind Siegel, die man in feuchten Ton drückte. Vermutlich dienten sie der Kennzeichnung von Eigentum im Handel oder als Unterschriftenstempel hochstehender Persönlichkeiten. In jedem Fall zeigen die Abbildungen darauf oft wundersame Kreaturen, Gottheiten oder mythische Tiere, die den Status des Eigentümers bekräftigten oder als machtvolles Amulett dienten. So sagen auch die Tiere auf diesen Siegeln etwas über die Menschen und ihren Glauben aus. Es handelt sich vor allem um starke Tiere: Stiere, Nashörner, Elefanten, Tiger, Krokodile und, wichtig für unser Thema: Hähne. In der Linguistik wird sogar spekuliert, der alte Name der Stadt Mohenjo-Daro könneKu