: Simon Raven
: Wo man singt Roman
: Elfenbein Verlag
: 9783961600458
: 1
: CHF 16.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 264
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Man schreibt das Jahr 1967 am altehrwürdigen Lancaster College der Universität Cambridge, und die Zeichen stehen auf Sturm. Zu den üblichen Grabenkämpfen zwischen den Professoren kommen die Forderungen einer politisierten Studentenschaft. Angeführt wird die Rebellion von Hugh Balliston, einem begabten jungen Intellektuellen, der auch die attraktive Hetta für seine Sache eingespannt hat. Doch Hugh gerät zunehmend unter den Einfluss eines externen Agitators, der ihn zu immer drastischeren Aktionen treibt. Als anlässlich eines Madrigalkonzertes der Kapelle des Colleges, einem der bedeutendsten Sakralbauten des Landes, eine rabiate Entweihung und ein moderner Bildersturm droht, geht es mit einem Mal nicht mehr nur um die Überwindung oder Bewahrung alter Traditionen und Glaubenssätze, sondern um Leben und Tod. Im siebten Band seiner Romanreihe »Almosen fürs Vergessen« widmet sich Simon Raven mit unverkennbarer Verehrung für den historischen Schauplatz auf gewohnt unterhaltsame und bissige Weise einem weiteren Meilenstein der britischen Nachkriegsgeschichte.

Simon Raven (1927-2001) besuchte als Spross einer Strumpffabrikantenfamilie die elitäre Charterhouse School, von der er 1945 wegen homosexueller Handlungen relegiert wurde. Unter seinen Mitschülern waren u. a. James Prior (später Minister im Kabinett von Margaret Thatcher) sowie der spätere Herausgeber der 'Times', William Rees-Mogg. Beide hat er in der Romanreihe 'Almosen fürs Vergessen' literarisch verewigt. Nach seinem Militärdienst, den Raven als Offiziersanwärter in Indien ableistete, studierte er ab 1948 am King's College in Cambridge Altphilologie. Er wurde Vater eines Sohnes und heiratete widerwillig. In finanzielle Schwierigkeiten geraten, trat er erneut in die Armee ein, wurde in Deutschland und in Kenia stationiert, quittierte den Dienst aber schließlich, um eine unehrenhafte Entlassung wegen Wettschulden abzuwenden. Fortan widmete er sich der Schriftstellerei und arbeitete als Literaturkritiker. Der Verleger Anthony Blond nahm ihn 1958 unter der Bedingung, mindestens 50 Meilen von Londons Vergnügungsstätten entfernt zu wohnen, unter Vertrag - ein Arrangement, das sich drei Jahrzehnte bewährte. Ein ausschweifender Lebenswandel, kühne Meinungen, seine offen ausgelebte Bisexualität und die Tatsache, dass er das Material für seine Bücher aus dem unmittelbaren Freundeskreis gewann und mit freizügigen Sexszenen und scharfzüngigen Urteilen über die Gesellschaft kombinierte, verschafften ihm einen Ruf als Schandmaul unter den englischen Nachkriegsautoren. Gleichwohl wurde er von namhaften Kollegen wie etwa Anthony Powell nicht nur als Literaturkritiker, sondern auch als Literat geschätzt. Sein 10-bändiger Romanzyklus 'Alms for Oblivion' (1964-1976) wird heute mit dem Werk von Lawrence Durrell, Graham Greene, Anthony Powell und Evelyn Waugh verglichen und Raven als 'einer der brillantesten Romanciers seiner Generation' bewertet (Patrick Newley). Bekannt wurde Raven auch durch die Verfilmung von Trollopes 'The Pallisers' (1974) und die Fernsehserie 'Edward and Mrs. Simpson' (1978) sowie die Mitarbeit am Drehbuch für den James-Bond-Film 'Im Geheimdienst Ihrer Majestät' (1969). Dem Vorwurf, ein Snob zu sein, begegnete er mit dem Hinweis, er schreibe 'für Leute, die sind wie ich: gebildet, weltgewandt und skeptisch'.

Teil II

DES KÖNIGS ANGELEGENHEIT

»Benedic, Domine, nobis«,intonierte Robert Reculver Constable, der Provost von Lancaster College, »et his consiliis nostris. Amen.«

»Amen«, wiederholten die anderen neunzehn Mitglieder des Rates, die jeweils hinter ihren Stühlen am»Großen Tisch für des Königs Angelegenheit«standen, einem wuchtigen, dreiundzwanzig Meter langen rechteckigen Möbelstück aus Eichenholz, das nur bei solchen Versammlungen genutzt wurde.

»Warum habt Ihr uns heuer geladen?«, deklamierte Grantchester Pough, der als Senior Fellow den Platz am unteren Ende des Tisches eingenommen hatte, mit dröhnender Stimme.

»Mein Ohr will ich Euch leih’n und Rat Euch geben.«

»Und soll’n wahrhaft wir und furchtlos sprechen?«

»Wahrhaft und furchtlos und als gute Kameraden, denn so wünscht es unsere gnädige Herrin, die Königin.«

»So schütze Gott unsere Herrin, die Königin«, brüllte Grant­chester Pough, der jedes Wort davon auch wirklich meinte, »und Gott sei der Seele unseres lieben Herrn und Gründers, des seligen Heinrich von Lancaster, gnädig. Amen.«

»Amen«, kam auch von allen anderen.

Der Provost ergriff wieder das Wort: »Ist es Ihr Wille, dass ich fortfahre?«

»Es ist unser Wille.«

Alle setzen sich, mit Ausnahme des Provosts selbst.

»Welche Angelegenheit liegt vor, Master Provost?«, rief Pough vom anderen Ende des Tisches.

»Hört und merkt auf!«

Da mit diesem Redewechsel die Eröffnungsformalitäten erledigt waren, steckten sich Balbo Blakeney und mehrere andere nun Zigaretten an. Der Provost wühlte in seinen Papieren, räusperte sich, wühlte dann weiter. Hinter ihm blickte von einem Porträt herab Provost Lauderdale finster in die Runde, der einst auf dem Platz vor dem College niedergemetzelt worden war, nachdem er den Parlamentsabgeordneten den Einlass verwehrt hatte. Jacquiz Helmut zupfte seinen scharlachroten Talar zurecht, bis er so saß, wie es ihm gefiel, während der Senior Fellow irgendwo aus seinen Utensilien ein Rabelais alle Ehre machendes Rachenspray hervorkramte und mit sturzbach­artigen Geräuschen seine gebleckten Mandeln damit einspritzte.

Dann herrschte Stille in der Großen Ratskammer, und alle warteten auf das, was der Provost bekanntlich sagen muss-te.

»Oberster Quästor«, sagte der Provost.

Der Provost setzte sich. Der Oberste Quästor erhob sich, inzwischen war es Viertel nach zehn, und forderte bis zur Mittagszeit ihre Aufmerksamkeit mit der Verlesung der Geschäftsbücher nach dem Stand vom1. April. Niemand durfte währenddessen den Raum verlassen, und es durfte auch niemand erst danach zur Ratsversammlung dazustoßen. Diese Regelung machte eindeutig klar: Entweder nahmen die Mitglieder vom ersten Wort an an der Zusammenkunft teil, oder sie blieben ihr gänzlich fern. Und das war eine sehr gute Regelung, denn da es Bedingung war, dass generell jeder, der etwas sagen oder seine Stimme abgeben wollte, zunächst mindestens drei Stunden lang auf seinem Sitzplatz ausharrend die arithmetische Rezitation des Obersten Quästors über sich ergehen lassen musste, kamen die Unseriösen oder Ungeduldigen, sollte je versehentlich so jemand in den Rat berufen worden sein, ganz schnell davon ab, sich auf irgendeine Weise am»Großen Tisch für des Königs Angelegenheit«einzubringen.

Um halb zwei, als die Finanzen schließlich zu drei Vierteln verlesen waren, machte der Verwaltungsrat eine Pause, um den traditionellen Mittagsimbiss, bestehend aus eingelegtem Hering und einem kleinen Bier, einzunehmen.

»Werde ich diesen Mayerston nett finden?«, fragte Hetta Hugh, als sie am Mittag in einem am Fluss gelegenen Pub ihre Sandwiches aßen.

Hugh hatte das ungute Gefühl, dass es nicht so sein würde.

»Das wirst du dann sehen, wenn du ihn heute Abend kennenlernst«, sagte er.

»Warum denn erst dann?«, fragte Hetta. »Ich meine, wenn das alles so dringend und aufregend ist.«

»Ich vermute, er hat bis dahin anderes zu tun«, sagte Hugh, den mit einem Mal noch ein anderes ungutes Gefühl überkam, nämlich dass Mayerston seinen Unterschlupf, wie Dracula, vielleicht gar nie vor Sonnenuntergang verließ.

»Und du sagst, dass ich eine wichtige Rolle spielen werde?«, fragte Hetta beharrlich weiter.

»Eine sehr wichtige.«

»Warum erzählst du mir dann nichts?«

»Mayerston wird das viel besser können.«

»Niemand erklärt Dinge besser als du.«