Teil II
DES KÖNIGS ANGELEGENHEIT
»Benedic, Domine, nobis«,intonierte Robert Reculver Constable, der Provost von Lancaster College, »et his consiliis nostris. Amen.«
»Amen«, wiederholten die anderen neunzehn Mitglieder des Rates, die jeweils hinter ihren Stühlen am»Großen Tisch für des Königs Angelegenheit«standen, einem wuchtigen, dreiundzwanzig Meter langen rechteckigen Möbelstück aus Eichenholz, das nur bei solchen Versammlungen genutzt wurde.
»Warum habt Ihr uns heuer geladen?«, deklamierte Grantchester Pough, der als Senior Fellow den Platz am unteren Ende des Tisches eingenommen hatte, mit dröhnender Stimme.
»Mein Ohr will ich Euch leih’n und Rat Euch geben.«
»Und soll’n wahrhaft wir und furchtlos sprechen?«
»Wahrhaft und furchtlos und als gute Kameraden, denn so wünscht es unsere gnädige Herrin, die Königin.«
»So schütze Gott unsere Herrin, die Königin«, brüllte Grantchester Pough, der jedes Wort davon auch wirklich meinte, »und Gott sei der Seele unseres lieben Herrn und Gründers, des seligen Heinrich von Lancaster, gnädig. Amen.«
»Amen«, kam auch von allen anderen.
Der Provost ergriff wieder das Wort: »Ist es Ihr Wille, dass ich fortfahre?«
»Es ist unser Wille.«
Alle setzen sich, mit Ausnahme des Provosts selbst.
»Welche Angelegenheit liegt vor, Master Provost?«, rief Pough vom anderen Ende des Tisches.
»Hört und merkt auf!«
Da mit diesem Redewechsel die Eröffnungsformalitäten erledigt waren, steckten sich Balbo Blakeney und mehrere andere nun Zigaretten an. Der Provost wühlte in seinen Papieren, räusperte sich, wühlte dann weiter. Hinter ihm blickte von einem Porträt herab Provost Lauderdale finster in die Runde, der einst auf dem Platz vor dem College niedergemetzelt worden war, nachdem er den Parlamentsabgeordneten den Einlass verwehrt hatte. Jacquiz Helmut zupfte seinen scharlachroten Talar zurecht, bis er so saß, wie es ihm gefiel, während der Senior Fellow irgendwo aus seinen Utensilien ein Rabelais alle Ehre machendes Rachenspray hervorkramte und mit sturzbachartigen Geräuschen seine gebleckten Mandeln damit einspritzte.
Dann herrschte Stille in der Großen Ratskammer, und alle warteten auf das, was der Provost bekanntlich sagen muss-te.
»Oberster Quästor«, sagte der Provost.
Der Provost setzte sich. Der Oberste Quästor erhob sich, inzwischen war es Viertel nach zehn, und forderte bis zur Mittagszeit ihre Aufmerksamkeit mit der Verlesung der Geschäftsbücher nach dem Stand vom1. April. Niemand durfte währenddessen den Raum verlassen, und es durfte auch niemand erst danach zur Ratsversammlung dazustoßen. Diese Regelung machte eindeutig klar: Entweder nahmen die Mitglieder vom ersten Wort an an der Zusammenkunft teil, oder sie blieben ihr gänzlich fern. Und das war eine sehr gute Regelung, denn da es Bedingung war, dass generell jeder, der etwas sagen oder seine Stimme abgeben wollte, zunächst mindestens drei Stunden lang auf seinem Sitzplatz ausharrend die arithmetische Rezitation des Obersten Quästors über sich ergehen lassen musste, kamen die Unseriösen oder Ungeduldigen, sollte je versehentlich so jemand in den Rat berufen worden sein, ganz schnell davon ab, sich auf irgendeine Weise am»Großen Tisch für des Königs Angelegenheit«einzubringen.
Um halb zwei, als die Finanzen schließlich zu drei Vierteln verlesen waren, machte der Verwaltungsrat eine Pause, um den traditionellen Mittagsimbiss, bestehend aus eingelegtem Hering und einem kleinen Bier, einzunehmen.
»Werde ich diesen Mayerston nett finden?«, fragte Hetta Hugh, als sie am Mittag in einem am Fluss gelegenen Pub ihre Sandwiches aßen.
Hugh hatte das ungute Gefühl, dass es nicht so sein würde.
»Das wirst du dann sehen, wenn du ihn heute Abend kennenlernst«, sagte er.
»Warum denn erst dann?«, fragte Hetta. »Ich meine, wenn das alles so dringend und aufregend ist.«
»Ich vermute, er hat bis dahin anderes zu tun«, sagte Hugh, den mit einem Mal noch ein anderes ungutes Gefühl überkam, nämlich dass Mayerston seinen Unterschlupf, wie Dracula, vielleicht gar nie vor Sonnenuntergang verließ.
»Und du sagst, dass ich eine wichtige Rolle spielen werde?«, fragte Hetta beharrlich weiter.
»Eine sehr wichtige.«
»Warum erzählst du mir dann nichts?«
»Mayerston wird das viel besser können.«
»Niemand erklärt Dinge besser als du.«