: Simon Raven
: Gute Beziehungen nach unten Roman
: Elfenbein Verlag
: 9783961600410
: 1
: CHF 16.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 264
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Während manch einer sich an der Côte d'Azur oder in Venedig auf den sonnigen Promenaden dahintreiben lässt und an den Spieltischen das Glück herausfordert, rumort es im heimischen London in der Konservativen Partei: Der Parlamentssitz für Bishop's Cross soll 1959 neu vergeben werden, und die beiden jungen Konkurrenten könnten unterschiedlicher nicht sein. Es herrscht alles andere als Einigkeit, und Sir Edwin Turbot, poli­tisches Urgestein der Konservativen, hat zudem den ebenso raubeinigen und trinkfreudigen wie hochadeligen Parteifreund Marquis Canteloupe in Schach zu halten, der auf seine alten Tage revolutionäre Schrullen entwickelt und in »staatlich subventionierte Erholung für alle« zu investieren gedenkt. Damit nicht genug, steht Turbot ein gesellschaftliches Großereignis, die Hochzeit seiner Tochter ins Haus - unpassenderweise mit einem linksintellektuellen Bestsellerautor, der weder von standesgemäßer Herkunft noch besonders wohlerzogen ist. Als dann auch noch ein kompromittierender Brief auftaucht, der die wahre Rolle der Regierung in der kürzlich erst ausgestandenen Sueskrise enthüllt, ist jegliche Gediegenheit dahin, und es beginnt eine wilde Jagd. Simon Raven (1927-2001) führt im fünften Band seiner Romanreihe »Almosen fürs Vergessen« vergnügt die Machtspiele derjenigen vor, die gerne auf dem gesellschaftlichen Parkett die Geschicke anderer lenken, sich dabei aber zu Beginn der 60er Jahre nicht mehr nur den angestammten Gegnern, sondern neuen, unerwarteten und mitunter pikanten Entwicklungen und Widrigkeiten ausgesetzt sehen. Und er zeigt, dass die Strippen ganz oben niemals ohne die Freunde ganz unten gezogen werden.

Simon Raven (1927-2001) besuchte als Spross einer Strumpffabrikantenfamilie die elitäre Charterhouse School, von der er 1945 wegen homosexueller Handlungen relegiert wurde. Unter seinen Mitschülern waren u. a. James Prior (später Minister im Kabinett von Margaret Thatcher) sowie der spätere Herausgeber der 'Times', William Rees-Mogg. Beide hat er in der Romanreihe 'Almosen fürs Vergessen' literarisch verewigt. Nach seinem Militärdienst, den Raven als Offiziersanwärter in Indien ableistete, studierte er ab 1948 am King's College in Cambridge Altphilologie. Er wurde Vater eines Sohnes und heiratete widerwillig. In finanzielle Schwierigkeiten geraten, trat er erneut in die Armee ein, wurde in Deutschland und in Kenia stationiert, quittierte den Dienst aber schließlich, um eine unehrenhafte Entlassung wegen Wettschulden abzuwenden. Fortan widmete er sich der Schriftstellerei und arbeitete als Literaturkritiker. Der Verleger Anthony Blond nahm ihn 1958 unter der Bedingung, mindestens 50 Meilen von Londons Vergnügungsstätten entfernt zu wohnen, unter Vertrag - ein Arrangement, das sich drei Jahrzehnte bewährte. Ein ausschweifender Lebenswandel, kühne Meinungen, seine offen ausgelebte Bisexualität und die Tatsache, dass er das Material für seine Bücher aus dem unmittelbaren Freundeskreis gewann und mit freizügigen Sexszenen und scharfzüngigen Urteilen über die Gesellschaft kombinierte, verschafften ihm einen Ruf als Schandmaul unter den englischen Nachkriegsautoren. Gleichwohl wurde er von namhaften Kollegen wie etwa Anthony Powell nicht nur als Literaturkritiker, sondern auch als Literat geschätzt. Sein 10-bändiger Romanzyklus 'Alms for Oblivion' (1964-1976) wird heute mit dem Werk von Lawrence Durrell, Graham Greene, Anthony Powell und Evelyn Waugh verglichen und Raven als 'einer der brillantesten Romanciers seiner Generation' bewertet (Patrick Newley). Bekannt wurde Raven auch durch die Verfilmung von Trollopes 'The Pallisers' (1974) und die Fernsehserie 'Edward and Mrs. Simpson' (1978) sowie die Mitarbeit am Drehbuch für den James-Bond-Film 'Im Geheimdienst Ihrer Majestät' (1969). Dem Vorwurf, ein Snob zu sein, begegnete er mit dem Hinweis, er schreibe 'für Leute, die sind wie ich: gebildet, weltgewandt und skeptisch'.

1

glücksspiel

»Jesus im Himmel«, sagte Mark Lewson, »was für ein elend langweiliger Ort das hier ist.«

»Du musst ja nicht bleiben«, sagte Angela Tuck.

Sie saßen in Menton an der Promenade, wo sie eine halbe Stunde nach Mittag Champagner-Cocktails tranken, an einem Sonntag im April1959.

»Ich möchte aber doch beidirsein, meine Liebe. Es trifft sich so gut! Wir können uns gegenseitig in unserer Trauer trösten.«

»Tuck ist schon vor fast drei Jahren umgekommen«, sagte Angela Tuck, »und man musste mich weder damals noch seither deshalb trösten.«

»Du bist herzlos, das ist dein Problem.Ichbrauche Trost. Es ist erst ein paar Wochen her, dass mir meine geliebte Frau ins Paradies vorangegangen ist, und das hat mich nicht nur in einer Hinsicht tiefunglücklich zurückgelassen.«

»Wie ist sie denn eigentlich gestorben, Mark? Du hast dich da eher bedeckt gehalten.«

»Der Alkohol, meine Liebe. Selbst der Sarg hat noch nach Gin gerochen. Das hat bei ihren drögen Verwandten mächtig Anstoß erregt.«

»Die sind den ganzen Weg nach England gekommen für die Beerdigung?«

»Ihre beiden Schwestern. Um zu schauen, ob noch was vom Geld übrig ist.«

»War aber nicht so?«

»Da war ohnehin nie viel gewesen. Als der alte Graf Monteverdi gestorben ist, nachdem er ja den Großteil seines Lebens in England verbracht hatte, da hat er ungefähr hunderttausend hinterlassen, sicher angelegt, wie man so schön sagt, und ein paar wertvolle Gemälde und ein kleines Grundstück in Rom. Felicitys Anteil – das waren nach Abzug der Erbschaftssteuer knapp über zwanzig Mille, ein kleiner Sisley und drei Dalís, und eine Wohnung an der Piazza Navona.«

»Sollte für den Anfang eigentlich reichen«, sagte Angela.

»Hat’s aber nicht.« Mark kicherte. »Die zwei Schwestern sind damals nach Tivoli zurückgegangen und haben sich dort frommen Taten gewidmet. Felicity blieb in England und hat sich mir gewidmet. Sie war fünfzehn Jahre älter als ich, stimmt schon, aber ich dachte, was soll’s, istn gutmütiges Kalb, und man sagt, dass siene Menge Geld hat. Wie üblich hattemanübertrieben. Wir waren kaum mit den Flitterwochen durch, da hat sie verkündet, dass schon Schluss ist mit den Schein-chen.«

»Zwanzigtausend?«

»Ich hatte ’ne kleine Jacht gekauft. Mir hatte ja keiner gesagt«, erklärte Mark trotzig, »dass es bloß zwanzig Mille sind und nicht mehr.«

»Da war sie bestimmt rasend.«

»Genau! Rasend in mich verliebt.«

Das wundert mich nicht, dachte Angela. Prüfend wanderte ihr Blick über das engelhafte Gesicht mit dem stumpfen, verworfenen Kinn, das dunkle, wellige Haar, den Torso, schmal, aber fest unter dem geblümten Hemd, die Botticelli-Beine unter den kurzen weißen Flanellhosen. All das begutachtete sie, ein paar andere Dinge kamen ihr auch noch in den Sinn, und sie kam zu dem Schluss, dass eine Frau, die fünfzehn Jahre älter war als er, sich bestimmt rasend in Mark Lewson verliebt haben konnte, so rasend, dass sie ihr gesamtes Vermögen dafür hergab, ihm eine Jacht zu kaufen. Aber ich, dachte sie, bin nicht fünfzehn Jahre älter als er, sondern nur fünf. Von mir wird er nicht viel kriegen, und selbst das muss er sich erst mal verdienen. Genau genommen bin ich nicht mal sicher, ob er nicht schon mehr als genug bekommen hat.

»Was ist aus der Jacht geworden?«, fragte sie.

»Mit Verlust verkauft, als die Dinge schwierig zu werden begannen.«

»Wirklich Pech!«

Du miese Sau, dachte Mark Lewson. Ich weiß doch, dass das ganze Geplauder über Felicitys Geld mir eigentlich bloß sagen soll, dass ich von dir keins bekommen werde. Du würdest dich noch auf der Folterbank an das Bisschen klammern, das Tuck dir überlassen hat. Und besser ists, dass du das Geld schön festhältst, Schätzchen, denn noch fünf Jahre, und das wird’s gewesen sein mit dir. Bestehst ja schon jetzt bloß noch aus Krähenfüßen und Gewabbel, und in neun von zehn Nächten: Zahnspülung mit billigem Brandy. Du hast ein Riesenglück, dass ich für Bett, Bewirtung und ein Taschengeld zu haben bin, weil ich nun mal grade eine Pechsträhne habe. Aber ich bin nur auf der Durchreise. Irgendwas wird sich auftun, wie immer, und dann heißt’s winke-winke, Angela Tuck, für dich und deine hängenden Titten.

Bis dahin aber mach das Beste draus, solange wir Bett und Tisch teilen.

»Lass uns noch einen bestellen«, sagte er.

»Du hattest schon drei.«

»Ich werde nach dem Essen meinen Teil erfüllen, falls es das ist, was dich beunruhigt.«

Die schmalen Augen blitzten, und er ließ das stumpfe Kinn in simulierter Lust erzittern. Die Botticelli-Beine weit gespreizt. Mit einer plötzlichen Welle der Erregung brach ihr kurz der Schweiß aus, und Angela entschied, dass sie doch noch nicht ganz fertig mit ihm war.

»In Ordnung«, sagte sie, als Lewson einen Kellner heranwinkte und auf die leeren Gläser zeigte, »aber nur noch einen. Die sind teue