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glücksspiel
»Jesus im Himmel«, sagte Mark Lewson, »was für ein elend langweiliger Ort das hier ist.«
»Du musst ja nicht bleiben«, sagte Angela Tuck.
Sie saßen in Menton an der Promenade, wo sie eine halbe Stunde nach Mittag Champagner-Cocktails tranken, an einem Sonntag im April1959.
»Ich möchte aber doch beidirsein, meine Liebe. Es trifft sich so gut! Wir können uns gegenseitig in unserer Trauer trösten.«
»Tuck ist schon vor fast drei Jahren umgekommen«, sagte Angela Tuck, »und man musste mich weder damals noch seither deshalb trösten.«
»Du bist herzlos, das ist dein Problem.Ichbrauche Trost. Es ist erst ein paar Wochen her, dass mir meine geliebte Frau ins Paradies vorangegangen ist, und das hat mich nicht nur in einer Hinsicht tiefunglücklich zurückgelassen.«
»Wie ist sie denn eigentlich gestorben, Mark? Du hast dich da eher bedeckt gehalten.«
»Der Alkohol, meine Liebe. Selbst der Sarg hat noch nach Gin gerochen. Das hat bei ihren drögen Verwandten mächtig Anstoß erregt.«
»Die sind den ganzen Weg nach England gekommen für die Beerdigung?«
»Ihre beiden Schwestern. Um zu schauen, ob noch was vom Geld übrig ist.«
»War aber nicht so?«
»Da war ohnehin nie viel gewesen. Als der alte Graf Monteverdi gestorben ist, nachdem er ja den Großteil seines Lebens in England verbracht hatte, da hat er ungefähr hunderttausend hinterlassen, sicher angelegt, wie man so schön sagt, und ein paar wertvolle Gemälde und ein kleines Grundstück in Rom. Felicitys Anteil – das waren nach Abzug der Erbschaftssteuer knapp über zwanzig Mille, ein kleiner Sisley und drei Dalís, und eine Wohnung an der Piazza Navona.«
»Sollte für den Anfang eigentlich reichen«, sagte Angela.
»Hat’s aber nicht.« Mark kicherte. »Die zwei Schwestern sind damals nach Tivoli zurückgegangen und haben sich dort frommen Taten gewidmet. Felicity blieb in England und hat sich mir gewidmet. Sie war fünfzehn Jahre älter als ich, stimmt schon, aber ich dachte, was soll’s, ist’n gutmütiges Kalb, und man sagt, dass sie’ne Menge Geld hat. Wie üblich hatte›man‹übertrieben. Wir waren kaum mit den Flitterwochen durch, da hat sie verkündet, dass schon Schluss ist mit den Schein-chen.«
»Zwanzigtausend?«
»Ich hatte ’ne kleine Jacht gekauft. Mir hatte ja keiner gesagt«, erklärte Mark trotzig, »dass es bloß zwanzig Mille sind und nicht mehr.«
»Da war sie bestimmt rasend.«
»Genau! Rasend in mich verliebt.«
Das wundert mich nicht, dachte Angela. Prüfend wanderte ihr Blick über das engelhafte Gesicht mit dem stumpfen, verworfenen Kinn, das dunkle, wellige Haar, den Torso, schmal, aber fest unter dem geblümten Hemd, die Botticelli-Beine unter den kurzen weißen Flanellhosen. All das begutachtete sie, ein paar andere Dinge kamen ihr auch noch in den Sinn, und sie kam zu dem Schluss, dass eine Frau, die fünfzehn Jahre älter war als er, sich bestimmt rasend in Mark Lewson verliebt haben konnte, so rasend, dass sie ihr gesamtes Vermögen dafür hergab, ihm eine Jacht zu kaufen. Aber ich, dachte sie, bin nicht fünfzehn Jahre älter als er, sondern nur fünf. Von mir wird er nicht viel kriegen, und selbst das muss er sich erst mal verdienen. Genau genommen bin ich nicht mal sicher, ob er nicht schon mehr als genug bekommen hat.
»Was ist aus der Jacht geworden?«, fragte sie.
»Mit Verlust verkauft, als die Dinge schwierig zu werden begannen.«
»Wirklich Pech!«
Du miese Sau, dachte Mark Lewson. Ich weiß doch, dass das ganze Geplauder über Felicitys Geld mir eigentlich bloß sagen soll, dass ich von dir keins bekommen werde. Du würdest dich noch auf der Folterbank an das Bisschen klammern, das Tuck dir überlassen hat. Und besser ist’s, dass du das Geld schön festhältst, Schätzchen, denn noch fünf Jahre, und das wird’s gewesen sein mit dir. Bestehst ja schon jetzt bloß noch aus Krähenfüßen und Gewabbel, und in neun von zehn Nächten: Zahnspülung mit billigem Brandy. Du hast ein Riesenglück, dass ich für Bett, Bewirtung und ein Taschengeld zu haben bin, weil ich nun mal grade eine Pechsträhne habe. Aber ich bin nur auf der Durchreise. Irgendwas wird sich auftun, wie immer, und dann heißt’s winke-winke, Angela Tuck, für dich und deine hängenden Titten.
Bis dahin aber mach das Beste draus, solange wir Bett und Tisch teilen.
»Lass uns noch einen bestellen«, sagte er.
»Du hattest schon drei.«
»Ich werde nach dem Essen meinen Teil erfüllen, falls es das ist, was dich beunruhigt.«
Die schmalen Augen blitzten, und er ließ das stumpfe Kinn in simulierter Lust erzittern. Die Botticelli-Beine weit gespreizt. Mit einer plötzlichen Welle der Erregung brach ihr kurz der Schweiß aus, und Angela entschied, dass sie doch noch nicht ganz fertig mit ihm war.
»In Ordnung«, sagte sie, als Lewson einen Kellner heranwinkte und auf die leeren Gläser zeigte, »aber nur noch einen. Die sind teue