: Simon Raven
: Die Reichen zahlen spät Roman
: Elfenbein Verlag
: 9783961600403
: 1
: CHF 16.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 264
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
1956 in der Londoner City, wo sich die Wege der politischen und wirtschaftlichen Elite kreuzen, und natürlich die Wege von deren Fußvolk: den Hinterbänklern und Gremienberatern, Journalisten und Verlegern, Rechtsanwälten, Sekretärinnen, Zimmerwirtinnen - ganz zu schweigen von den Ehefrauen, den Geliebten und den gegen Geld Liebenden. Es geht das Gerücht, dass das aufstrebende Wirtschaftsmagazin 'Strix' einen neuen Eigentümer sucht. Holbrook, ehrgeiziger Anteilseigner einer kleinen Reklamedruckerei, sieht seine große Chance gekommen, denn 'Strix' verspricht Rang und Einfluss auf höchster Ebene. Doch auch den gewieften Redakteur des Magazins, Somerset Lloyd-James, drängt es näher zur Macht. Um bald alle Fäden in der Hand zu halten, lotst er einen alten Schulfreund auf einen Sitz im Herausgebergremium. Doch ausgerechnet dieser aufrichtige und tüchtige Nachwuchspolitiker gerät auf dem hoffnungsfrohen Weg in die hohe Politik ins Stolpern.

Simon Raven (1927-2001) besuchte als Spross einer Strumpffabrikantenfamilie die elitäre Charterhouse School, von der er 1945 wegen homosexueller Handlungen relegiert wurde. Unter seinen Mitschülern waren u. a. James Prior (später Minister im Kabinett von Margaret Thatcher) sowie der spätere Herausgeber der 'Times', William Rees-Mogg. Beide hat er in der Romanreihe 'Almosen fürs Vergessen' literarisch verewigt. Nach seinem Militärdienst, den Raven als Offiziersanwärter in Indien ableistete, studierte er ab 1948 am King's College in Cambridge Altphilologie. Er wurde Vater eines Sohnes und heiratete widerwillig. In finanzielle Schwierigkeiten geraten, trat er erneut in die Armee ein, wurde in Deutschland und in Kenia stationiert, quittierte den Dienst aber schließlich, um eine unehrenhafte Entlassung wegen Wettschulden abzuwenden. Fortan widmete er sich der Schriftstellerei und arbeitete als Literaturkritiker. Der Verleger Anthony Blond nahm ihn 1958 unter der Bedingung, mindestens 50 Meilen von Londons Vergnügungsstätten entfernt zu wohnen, unter Vertrag - ein Arrangement, das sich drei Jahrzehnte bewährte. Ein ausschweifender Lebenswandel, kühne Meinungen, seine offen ausgelebte Bisexualität und die Tatsache, dass er das Material für seine Bücher aus dem unmittelbaren Freundeskreis gewann und mit freizügigen Sexszenen und scharfzüngigen Urteilen über die Gesellschaft kombinierte, verschafften ihm einen Ruf als Schandmaul unter den englischen Nachkriegsautoren. Gleichwohl wurde er von namhaften Kollegen wie etwa Anthony Powell nicht nur als Literaturkritiker, sondern auch als Literat geschätzt. Sein 10-bändiger Romanzyklus 'Alms for Oblivion' (1964-1976) wird heute mit dem Werk von Lawrence Durrell, Graham Greene, Anthony Powell und Evelyn Waugh verglichen und Raven als 'einer der brillantesten Romanciers seiner Generation' bewertet (Patrick Newley). Bekannt wurde Raven auch durch die Verfilmung von Trollopes 'The Pallisers' (1974) und die Fernsehserie 'Edward and Mrs. Simpson' (1978) sowie die Mitarbeit am Drehbuch für den James-Bond-Film 'Im Geheimdienst Ihrer Majestät' (1969). Dem Vorwurf, ein Snob zu sein, begegnete er mit dem Hinweis, er schreibe 'für Leute, die sind wie ich: gebildet, weltgewandt und skeptisch'.

Teil II

6

Nun, da Holbrook alle vorläufig nötigen Vorkehrungen für die »Strix«-Aktion getroffen hatte, entschied er, die Angelegenheit für einige Wochen ruhen zu lassen. Das entsprach nicht seinem Naturell, aber im Augenblick gab es nicht viel, was er noch hätte tun können. Denn da Philby noch in Amerika weilte und, wie er gehört hatte, wahrscheinlich noch für einige Zeit dort bleiben würde, war es nicht möglich, auf erfolgversprechende Weise an ihn heranzutreten; und bevor das nicht geschehen und nicht eindeutig bekannt war, wie er reagieren würde, hatte es keinen Sinn, sich mehr Umstände zu machen und weiteren Aufwand zu betreiben.

Es gab jedoch eine Sache, die noch geradegerückt werden musste, und zwar in seinem eigenen Lager: die feindselige Hal­tung von Donald Salinger. Wenn es zu viel verlangt war, von Donald Enthusiasmus zu erwarten, so musste er doch zu­mindest dazu gebracht werden, bevor es bei dem Projekt ernst wurde, ein wenig freundliche Kooperationsbereitschaft zu zeigen – weil es so einfach angenehmer und effizienter ablief. Während er über das Problem nachdachte, kam Holbrook zu dem Schluss, dass ihm möglicherweise mit Vanessa Drew eine wertvolle Verbündete zur Seite stand. Eigentlich war es sein Plan gewesen, Donald mit dem, was er von Jonathan Gamp über ihr Verhalten unlängst gehört hatte, von ihr zu entfremden, in der Hoffnung, ihre unerwünschte Hochzeit platzen zu lassen oder zumindest zu verzögern. Nun entschied er sich aber für eine weniger grobgestrickte und kreativere Taktik. Sich Jonathans Bemerkung zunutzemachend, investierte er mehrere Abende und viel Geld imCavalier, um sachdienliche Hinweise über Vanessa und ihre Gewohnheiten zu sammeln, und er richtete es ein, dass er sich auch bei der nächsten ihm bekannten Gelegenheit, als Donald über Nacht auf Reisen war, dort einfand.

Vanessa, die in ihrer Vorfreude ganz aufgekratzt und erhitzt hereinkam, war alles andere als erfreut, ihn zu sehen.

»Herrgott, Jude! Was machst du denn hier?«

»Hoffen, dass ich dich treffe.«

»Wenn du glaubst …«

»Nein, Schnucki. Ich weiß, dass du dich zurzeit für Donald aufsparst.«

»Es freut mich, dass dir das klar ist.«

»Nicht so ganz, eigentlich. Offenbar scheint es da ja heimliche Ausnahmen von der Regel zu geben.«

Er wies zur Bar hin, wo Jimmy und Konsorten mit dem Rücken zu ihnen standen und ihre Drinks kippten, im schuldvollen Bewusstsein, dass sich Vanessa gerade in der Bredouille befand und sie alle irgendwie mit dafür verantwortlich waren.

»Ich verstehe«, sagte Vanessa barsch. »Und vermutlich willst du es jetzt Donald erzählen. Es sei denn, ich mache, was du willst.«

»Du warst immer schon schnell von Kapee. Aber du wirst verblüfft sein, wenn du erfährst, was es ist.«

»Dreckiger Mistkerl.«

»Deine Ausdrucksweise, Süße! Das Einzige, was du tun musst, ist Donald zu etwas zu überreden. Zu etwas, das in seinem eigenen Interesse ist.«

»Geht’s um Geld?«

»Nicht ganz. Wir sind dabei, eine Zeitschrift zu kaufen, Donald und ich. Hat er dir davon erzählt?«

»Ein wenig. Er ist nicht gerade wild darauf.«

»Und genau das macht mir Sorgen. Ich möchte, dass du ihn darauf anspitzt. Oder zumindest dafür sorgst, dass er mir dabei hilft. Es ist keine Freude, wenn er grollt.«

»Und wie soll ich das machen?«

»Du hast großen Einfluss auf ihn.«

»Nicht bei so was.«

»Schau mal, Schnucki«, sagte Jude Holbrook. »Du erwartest doch sehnlich, die Familienklunker zu tragen und die Lady im Herrenhaus zu geben, und wir freuen uns alle sehr für dich. Aber du weißt genauso gut wie ich, dass Donald ein ei­fer­süchtiger kleiner Bub ist und ganz arg böse wäre, wenn er hören würde, dass Jimmy und Co. an seinem Honigtöpfchen geschleckt haben. Es wird also nix mit den Klunkern und dem Herrenhaus für dich, Schätzchen, wenn du nicht machst, was ich sage. Nämlich deine wohlbekannten Reize einzusetzen, um Donald dieses Magazin etwas zu versüßen. Ich erwarte nicht von ihm, dass er vor Freude schreit, aber ich will, dass er ein wenig Interesse daran zeigt. In Ordnung?«

Am Tag vor Heiligabend nahm Donald Vanessa zu einer Party bei Max de Freville, dem Spieler, mit, wo er dreitausendfünfhundert Pfund gewann. Als sie um fünf Uhr früh wieder in der Cheyne Row zurück waren (Vanessa verbrachte genauso oft hier die Nacht wie in ihrer Kellerwohnung), sagte Donald:

»Du hast mir auf jeden Fall Glück gebracht. Mit dir an meiner Seite wusste ich, dass ich einfach gewinnen musste. Aber jedes Mal, wenn du dich von mir wegbewegt hast, a