1. KAPITEL
Es sah aus, als würde der Tod höchstpersönlich die Stufen herabschreiten, direkt in den venezianischen Ballsaal hinein. Malerisch bauschte sich der schwarze Umhang hinter der dunklen Gestalt. Als der Unbekannte mit einer Hand beiläufig über das elegante Marmorgeländer strich, glaubte Allegra plötzlich seine Fingerspitzen auf ihrer nackten Haut zu spüren. Noch lange danach grübelte sie über die unglaubliche Intensität dieses Gefühls …
Alle Gäste trugen mehr oder weniger fantasievolle Kostümierungen auf diesem Maskenball. Das war aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit zwischen dem geheimnisvollen Fremden und den übrigen Gästen. Im Gegensatz zu den farbenfrohen Seidenoutfits vieler Männer war er ganz in Schwarz gekleidet, und seine metallisch schimmernde Maske hatte die Form eines Totenschädels. Selbst das Gesicht darunter musste er geschwärzt haben, denn Allegra konnte keine menschlichen Züge hinter den Aussparungen der Maske erkennen.
Auch andere Frauen im Ballsaal verfolgten die Ankunft der düsteren Gestalt mit gebanntem Blick. Die plötzliche Spannung war deutlich spürbar. Jedes weibliche Wesen im Raum wartete darauf, von dem faszinierenden Gast wahrgenommen zu werden.
Allegra ging es da nicht anders! Zum Glück war ihr Gesicht perfekt verborgen unter der kunstvoll aufgetragenen weißen Schminke und der edlen Maske. So konnte sie sich getrost erlauben, die dunkle Erscheinung ausgiebig zu mustern …
Der Ball fand in einem der schönsten und ältesten Hotels in Venedig statt und wurde von einem Geschäftspartner ihres Bruders veranstaltet. Wer eine der heiß begehrten Einladungen erhalten hatte, stammte entweder aus einem ehrwürdigen Adelsgeschlecht oder gehörte zu einer der reichsten Familien der Welt. So manche verführerische reiche Erbin hielt auf diesem Ball Ausschau nach einer ebenbürtigen Partie.
Auch Allegra entstammte altem italienischem Adel und kam aus reichem Elternhaus. Mit der Geschäftsidee, dem Verfall ausgesetzte Immobilien aufzukaufen und ihnen zu neuer Blüte zu verhelfen, hatte Allegras Vater das Familienvermögen beträchtlich erhöht. Inzwischen hatte ihr Bruder Renzo das Traditionsunternehmen übernommen und es zu einem Global Player entwickelt.
Auf eine gute Partie war Allegra allerdings nicht aus. Sie sah sich selbst nicht als Verführerin. Viel eher fühlte sie sich als Gefangene. Doch dieser Ball war ihre Chance! Er bot Allegra die perfekte Gelegenheit, ihre Jungfräulichkeit an einen Mann ihrer Wahl zu verlieren statt an den Prinzen, dem sie versprochen war. Ein Prinz, zu dem sie sich überhaupt nicht hingezogen fühlte.
Vielleicht beging sie damit eine Todsünde, aber wenigstens einmal im Leben wollte sie heiße Lust in den Armen eines Mannes empfinden. Warum dann nicht gleich mit dem Teufel persönlich, wenn er nun schon mal unter den Gästen wandelte? Auf den ersten Blick hatte der dunkle Fremde tiefe Gefühle bei ihr entfesselt. Das war ihrem Verlobten bisher noch nie gelungen.
Wie ferngesteuert machte Allegra einen Schritt Richtung Treppenaufgang, blieb dann jedoch wieder stehen. Das Herz klopfte ihr bis zum Zerspringen, ihr war fast übel vor Aufregung.
Was in aller Welt tue ich eigentlich hier? schoss es Allegra durch den Kopf. Es sah ihr gar nicht ähnlich, sich einem Mann an den Hals zu werfen. Noch dazu einem Wildfremden! Verwirrt wandte sie sich ab. Nein! Auf diesem Ball würde sie „den kleinen Tod“ nicht erleben. Ihr fehlte der Mut. Es war gut und schön, davon zu träumen, einen begehrenswerten Mann für eine Nacht zu finden. Aber den Traum zu verwirklichen war eine ganz andere Sache.
Ihr Bruder hatte sie nur widerstrebend mit auf die Party genommen und würde Allegra die Hölle heißmachen, wenn sie ihn blamierte. Renzo Valenti brannten schnell mal die Sicherungen durch. Sie selbst hatte dagegen schon früh gelernt, ihr Temperament zu zügeln. Als Kind war sie ein echter Wildfang gewesen, doch ihren Eltern hatte viel daran gelegen, ihre Tochter zu bändigen. Schließlich sollte aus Allegra eine Dame werden!
Und ihre Bemühungen waren erfolgreich gewesen. Zumindest aus Sicht ihrer Eltern. Über Renzos enge Freundschaft mit dem spanischen Herzog Cristian Acosta war Prinz Raphael De Santis von Santa Firenze in Allegras Familie eingeführt worden.
Allegra verfluchte den Tag, an dem ihr Vater ihre Verlobung mit dem Prinzen vereinbart hatte! Und den gemeinen Cristian hätte sie für seine Bemühungen, sie unter die Haube zu bringen, am liebsten im Meer versenkt. Ihre Eltern waren natürlich begeistert von dieser Partie und verlangten von Allegra ebensolchen Enthusiasmus über die Aussicht, einen Prinzen zu heiraten.
Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr war sie nun offiziell mit Raphael verlobt. Inzwischen lag der zweiundzwanzigste Geburtstag hinter ihr, und ihr Verlobter ließ sie noch immer kalt. Eigentlich seltsam, denn er sah wirklich gut aus. Doch was sollte sie tun? Sie fühlte sich nicht zu ihm hingezogen. Nicht das leichteste Prickeln stellte sich in seiner Nähe ein.
Im Gegensatz zu ihrem älteren Bruder war Prinz Raphael sehr darauf bedacht, keine Schlagzeilen in der Boulevardpresse zu machen. Er w