Das Online-Meeting endet mit betretenen Mienen meiner Kollegen, die ich kaum ertrage. Rebecca, die sonst immer irgendwo auf den Gängen herumschwirrt, ist seit dem Meeting nirgends zu sehen. Gott sei Dank! Wortlos und mit gesenktem Kopf packe ich meine abgenutzte Lederhandtasche und kämpfe mit den Tränen. Über meine Kollegin Susanne lasse ich dem Chef ausrichten, dass ich Kopfweh habe und nach Hause gehe. Sicher wird ihm sofort klar sein, weshalb ich wirklich verschwinde. Doch es ist mir völlig egal. Ich muss raus hier. Zum Glück hat Alex heute einen Kundentermin und ist nicht im Büro.
In der S-Bahn, die mich in den Münchener Stadtteil Haidhausen bringt, lehne ich den Kopf an die Scheibe und presse die Lippen aufeinander. Jetzt nur nicht losheulen!
Zu Hause, in unserer gemeinsamen Dachgeschosswohnung angekommen, streife ich meine Pumps auf dem Eschenparkett im Flur ab und stelle sie ordentlich in das stylishe Schuhregal, das die Form einer gekrümmten Schlange hat. Alex hat es von einem französischen Designer erstanden und ist mächtig stolz darauf. In dem rahmenlosen Spiegel, der direkt darüber hängt, sehe ich in zwei matte Augen. Meine Haut wirkt fast so kalkweiß wie die Wände unserer Wohnräume. Rasch wende ich den Blick ab, schlüpfe in meine warmen Hausschuhe und schleppe mich durch die Wohnung. Bei jedem Schritt begleiten mich die demütigenden Bilder von Alex und Rebecca. Ich versuche, sie aus meinem Hirn zu verbannen. Doch es gelingt mir nicht.
Wie in Trance schlurfe ich nach einer weiteren Stunde, in der ich mir die Augen ausgeheult habe, das Treppenhaus hinunter und hole ein paar Umzugskartons aus dem muffig riechenden Kellerabteil. Kalt ist es hier, doch auch in meinem Inneren ist es eisig.
Zurück in der Wohnung packe ich. Und zwar sämtliche Klamotten aus Alex Schrankhälfte im Schlafzimmer. Gerade als ich die Sammlung seiner Basecaps aus allen Kontinenten in einen Karton knalle und ihn schließe, vernehme ich das Umdrehen des Schlüssels im Haustürschloss. Mein Herz rast und ich halte inne. Schritte gehen beinahe lautlos über das Parkett. Sekunden später steht Alex in der Schlafzimmertür.
»Simi, was machst du?« Er runzelt die Stirn und gibt sich nichtsahnend.
Ich erkenne an seinen verengten Pupillen, dass er längst weiß, dass ich von seiner Affäre erfahren habe.
»Wonach sieht es denn aus?«, antworte ich unterkühlt und vermeide den Blickkontakt. »Ich packe! Du ziehst aus. Und zwar noch heute.«
»Aber warum «
»Das fragst du noch?« Ich blitze ihn an. »Ich würde mich wundern, wenn du noch nicht mit Rebecca gesprochen hättest.«
Er macht einige Schritte auf mich zu und umfasst meine Ellenbogen. »Es ist nicht so, wie du denkst«, startet er in sanftem Tonfall einen kläglichen Versuch, sich zu rechtfertigen.
Spätestens jetzt bin ich mir sicher, dass er ganz genau weiß, worum es hier geht.
»So?« Ich schiebe ihn von mir. »Glaub mir, eure attraktiven Fotos waren eindeutig.«
»Ja es gibt diese Fotos.« Er reißt die Hände in die Höhe. »Aber das war doch nichts Ernstes«, spielt er die Affäre herunter.
Seine Worte prallen an mir ab, wie ein Gummiball an der Wand.
»Ich erinnere mich nicht mal mehr, wie es dazu kam. Wir haben nur ein Mal «
»Erspar mir die Details«, entgegne ich scharf. Ohne dass ich es verhindern kann, schießen mir die Tränen in die Augen. Ich unterdrücke sie und drehe mich zum dreitürigen Kleiderschrank, den wir erst vor etwa einem Monat gemeinsam erstanden haben.
»Willst du wirklich vier gemeinsame Jahre in die Tonne werfen?«
»Ich?«, fauche ich und zerknülle eines seiner Markenhemden in der Hand. »Du willst mir allen Ernstes sagen, dassich unsere Beziehung wegwerfe?«
Zwei Wochen ist unsere Trennung nun her und noch immer erscheinen mir die Geschehnisse wie ein böser Traum. Nachts, wenn ich alleine in unserem breiten, kalten Boxspringbett liege, weine ich mich in den Schlaf. Weshalb musste das alles ausgerechnet mir passieren? Unsere Beziehung war doch perfekt. Okay, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als er fremdgegangen war. Aber warum hat er unsere gemeinsame Zukunft mir nichts dir nichts weggeworfen?
Vergeblich suche ich nach Antworten. Als ich mich an seinen romantischen Heiratsantrag in Paris erinnere, füllen sich meine Augen erneut mit Tränen und ich klammere mich an das weiche Kopfkissen, als könne es verhindern, dass es mich in den Abgrund reißt. Spätestens im nächsten Jahr, in dem wir beide dreiunddreißig geworden wären, wollten wir heiraten. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich so bescheuert war, mir einzureden, dass uns diese Schnapszahl Glück bringen würde