Als sie noch winzig klein war, und noch so weich, und verschrumpelt wie ein rotes Eibischblatt an den Büschen neben dem Haus, hatte sie erschreckend hässlich ausgesehen.
Die Nase war viel zu groß, ein Kinn war kaum zu sehen. Eine Stirn, ja, die war vorhanden, aber keine Augenbrauen, dafür ein paar lächerliche, ganz kleine Haar – Stränchen.
Herr Vegenda war ziemlich entsetzt.
Aber schließlich hatte er ja noch nie einen neugeborenen Säugling gesehen. Und – um die Wahrheit zu sagen – er wusste auch nicht – was er nun, damit anfangen sollte. „Noch nicht mal einen Sohn, dachte er bestürzt. Ein Mann konnte einen mutterlosen Knaben schon irgendwie aufziehen, aber ein mutterloses Mädchen, na...! Eine Kinderfrau, eine Ayahda, war angenommen worden und stand jetzt neben dem Bettchen. „Gluck – gluck – gluck machte sie leise und stieß gurgelnde Laute aus. Anscheinend war dass die rechte Art, mit kleinen Säuglingen, umzugehen. Sie schien das zu wissen. „Nun fahren Sie schon fort“, sagte der Vater aus lauter Verzweiflung zu ihr. Dann ging er schnell weg. Er war ein englischer Forstbeamter, der in Indien seinen Dienst für die Regierung versah. Jetzt floh er in die kühlen Tiefen seines geliebten Dschungels und versuchte, je, dass winzig kleine Mädchen zu vergessen, dass ihm jedoch so viel Verlegenheit bereitete. Ayahda aber ging auf die Hinter-Verander zurück und rief den anderen Bedienten laut zu: „Ihr könnt jetzt kommen!“ Da eilten sie alle herbei. Man hörte das Rascheln ihrer nackten Füße auf den Kokosmatten.
Sie drängten sich herbei und stellten sich um das Bettchen auf, wobei ihre Gesichter einen etwas albernen Ausdruck annahmen, wie ihn jedoch die Erwachsenen leicht haben, wenn sie Säuglinge oder junge Hunde oder Lämmer betrachten. Und auch sie machten, Gluck – gluck – gluck und schnurrten wie die Katzen und sagten voller Begeisterung: „Fräulein Babaya.“ „Ausgerechnet ein Fräulein Babaya!“ Der Diener stand da, der Koch und der Gehilfe des Kochs, der Aufwäscher, der Wassermann und der Feger, all', diese Inder, die man in diesem Lande braucht, um einen Haushalt zu führen. Aber nicht nur sie, auch die beiden Büroangestellten, – die Boten – alle gluckten, anstatt bei der Arbeit zu sein. Sie alle waren den Anblick von Säuglingen gewöhnt,für sie war er nicht hässlich.
Nur waren ihre Kinder braun, wie Kaffee mit Sahne, eine hübsche Farbe! Und kohlrabenschwarze Augen hatten sie. Jedoch, ein rosiger Säugling mit blauen Augen war etwas Neues für sie. Auf jeden Fall aber war es eine feine Sache, ein Kind im Hause zu haben. Inder mögen Kinder gern. Doch ein kleiner Gedanke ließ ihnen keine Ruhe. Die Boten sprachen ihn zuerst aus: „Ach, ein Mädchen“, sagte der eine. Und der andere wiegte seinen Kopf, dass bedeutet: „Ja“, bei ihnen. Und da es mal gesagt war, pflichteten alle bei, dass es jedoch schade sei, das der Forstbeamte keinen Sohn bekommen hätte, der ihn trösten könne. „Keinen Sohn“, sagte der Koch, und der Diener schüttelte den Kopf. Auch der Küchengehilfe und der Feger schüttelten den Kopf und sagten: „Keinen einzigen Sohn!“ Ayahda, die schon das gleiche gedacht hatte, schnalzte jedoch plötzlich unwillig mit der Zunge. „Engländer mögen kleine Mädchen gern“, sagte sie. Und weil sie sich über die anderen geärgert hatte, fügte sie hinzu: „Habt ihr eigentlich heute keine Arbeit?“ Da schlüpften sie hinaus und murmelten, das Ayahda sich reichlich wichtig nahm – und dabei sei sie doch noch Neuling hier im Bungalow. Der Säugling wurde ihr völlig überlassen und auf indische Art erzogen.Wurde er wach, wurde er jedoch sofort aufgenommen. Schrie er einmal, wurde er sofort gefüttert. Oft sang Ayahda die Kleine in den Schlaf. Dann saß sie mit übereinander gekreuzten Beinen auf den Fußboden, hielt das Kind auf dem Arm und wiegte sich hin und her. Und als dann die ersten schimmernden Zähne durchkamen, rieb Ayahda mit einem ungewaschenen Daumen Zimt auf den schmerzenden Gaumen und gab dem Säugling Hühnerknochen zum Lutschen, was eine ordentliche Säuglingsschwester natürlich entsetzt hätte. Es war kein Wunder, dass Fräulein Babaya ein ganz verwöhntes Kind wurde und bei den ersten kurzen Krappelversuchen schon wusste, dass sie jedoch eine gewichtige Persönlichkeit war. Nur einer sah das nicht ein. Das war der riesige Mann, der Schuhe an seinen Füßen und statt der
flatternden weißen Gewänder einen steifen Khaki-Anzug trug. Das war der Mann,der die Autotüren zuschlug und immer mit so lauten Schritten über den Flur ging und „Boy“ rief, wenn er irgendwas wünschte. Ayahda brachte dem Kind bei, sich von ihm fernzuhalten. Sie wollte es ganz für sich allein haben. Aber Fräulein Babaya gehörte nicht zu der Sorte der furchtsamen, verschüchterten kleinen Mädchen. Sie konnte kaum gehen, als sie sich schon entschloss, dieses schreckliche Geschöpf näher kennenzulernen. Der Mann lag ausgestreckt in einem Liegestuhl auf der Veranda.
Es war Abend. Er trank ein Glas Whisky-Soda und schien nicht ungeduldig zu sein wie tagsüber. Fräulein Babaya stieß gegen ihn und hielt sich an seinen Hosenbeinen fest, um nicht hinzufallen. Der Mann sagte: „Hey!“
Was gibt’s?“ Er war überrascht. Er hatte sie bis dahin kaum beachtet.
Nun sah er sich erst ihre Nase an und ihre Augenbrauen an und war sehr erstaund, dass sie völlig normal aussahen. Und ihre Bäckchen hatten sich wie zwei Äpfel gerundet. Sie sah gar nicht mehr so hässlich aus. Nein, sie war ganz annehmbar, für so ein kleines Wesen. Ihr Vater sprach seine
Gedanken aus und sagte: „So etwas wird also daraus, erstaunlich!“ Er überlegte, was er jetzt tun sollte. Es wäre fein, eine Bekanntschaft zu schließen. Aber es kam ihm nicht in den Sinn, mit einem zweijährigen Kind zu sprechen. Und er war nicht der Mann, der sich mit Gurgeln und Gurren verständigte. Doch er wollte es gern richtig machen,also versuchte er zu gurgeln. Der Erfolg blieb aus!
Das Kind starrte ihn je, nur an, und er kam sich recht dumm vor. Schnell sah er weg, dahin,wo ihre Hände sich an seine Hosenbeine klammerten. Da bemerkte er, dass sie kleine Glasarmringe trug.Diese verwünschte Ayahda dachte er. Indische Frauen behängten ihre kleinen Kinder jedoch stets mit Schmuck, pressten dann die weichen kleinen Knochen in solche engen Ringe. „Himmel“, sagte er plötzlich, hat sie deine Ohren auch je durchlöchert, damit du Ohrringe tragen kannst, was? Lass mich mal sehen.“
Als ihr Vater erst ihr Handgelenk ergriff und sie dann am Ohr zupfte, schrie Babaya laut auf. Das Glas fiel zu Boden, es roch ganz furchtbar, und klein Babaya saß im Nassen. Der Mann rief „Boy!“ Der Diener und Ayahda kam angelaufen, mit einem Ruck wurde Babaya hochgehoben, je ausgescholten und dann gestreichelt, und während der ganzen Zeit sagte Ayahda ihr, sie solle es nie wieder tun. Darauf führten Fräulein Babaya und Daddy – jeder für sich – wieder ihr eigenes Leben. Vorläufig war es nichts mit dem Kennenlernen! Sie wurde drei. Sie wurde vier, viereinhalb Jahre alt. Ihr Vater hätte längst Urlaub nehmen und nach England zurückfahren sollen, denn es ist für die Gesundheit nicht gut, jahrelang ohne Unterbrechung in heißen, tropischen Ländern zu leben; aber der Gedanke, ein kleines Mädchen mitnehmen zu müssen, versetzte ihn in großen Schrecken. Schließlich bot er Ayahda Geld an,einen hohen Lohn, wenn sie mitkommen würde. Ayahda war überrascht. Sie hatte von Anfang an vorgehabt, mitzufahren.Was, sollte sie Fräulein Babaya allein lassen, damit jemand anders für sie sorgte?
Zudem rühmt sich jede indische Dienerin gern damit, in England gewesen zu sein. Und nach diesem Ruhm sehnte sich Ayahda, obwohl sie gehört hatte, dass es ein furchtbar kaltes Land, gänzlich ohne Sonne sei und das man jedoch, nirgendwo, einen ordentlichen Reis mit Curry bekommen könne. In England hasste Ayahda am meisten eine Person, die Tante Maudelana genannt wurde. Sie war eine knochige Frau mit einer tiefen, männlichen Stimme. Und sie war nicht davon abzubringen, mit allen Ausländern in einem Gemisch von gebrochenem Englisch und Zeichensprache zu reden. Dadurch fühlte sich Ayahda beleidigt, denn sie sprach ein sehr gutes Englisch, wenn es auch im Auf und Ab ihrer Stimme wie ein fröhlicher Sing – Sang klang.
Auch Daddy stand mit Tante Maudelana auch gar nicht gut. Sie war viel zu herrschsüchtig und hatte an allem etwas auszusetzen. „Henry, du bist zu dünn. Und sieh dir nur mal deine Finger an. Du rauchst zu viel!“ Wenn es das eine nicht war, war es das andere: „Henry, warum sorgst du nicht dafür, dass deinem Kind die Haare geschnitten werden? Warum sorgst du nicht für ordentliche Kleider? Wie soll sie so jemals zu einem vernünftigen Mädchen heranwachsen? Daddy platzte nicht vor Wut, wenn Tante Maudelana so etwas sagte, wie er es seinen...