Bender House, Bryanston Square, Marylebone, London, 1821
Wentworth Brandon Augustus Holmes, Baron Blackwell und Holmes und Viscount of Blackwell, genannt Blake, trottete gut gelaunt und mit einem lustigen Pfeifen auf den Lippen die Treppe des Stadthauses seines guten Freundes Charles Bender hinauf. Sie waren verabredet, um bei Tattersalls ein Pferd zu erstehen, die Sonne schien und das Leben war wundervoll.
Eine Dame bog im ersten Stock in das Treppenhaus ab. Der Blick aus ihren weichen, ungewöhnlich hellbraunen Augen glitt über ihn und sie nickte ihm zu, während er zunächst langsamer wurde und dann vor Überraschung stehen blieb.
»Lord Blackwell.« Auf seiner Höhe knickste sie angedeutet – noch immer, ohne ihn tatsächlich zur Kenntnis zu nehmen – und ging weiter.
»Verzeihung?«, sprach er sie an. Sie war unauffällig, schon bieder gekleidet, das braune Haar zu aufwendigen Löckchen an beiden Seiten ihres aristokratischen Gesichts drapiert, und sie trug eine Kamee mit dem Abbild einer Blume an ihrem schlanken Hals. Dieser verdrehte sich, war sie doch bereits an ihm vorbei, und sie verharrte einige Stufen unter ihm, ohne sich völlig zu ihm umzudrehen. Die Frage stand bereits in ihrer Miene. Sie legte die Hände vor dem Bauch übereinander.
»Ja bitte?«
»Wer sind Sie?« Die Frage war vermutlich anmaßend, aber eine Frau in Bender House? Das hatte es noch nie gegeben.
Verblüffung huschte über ihr Antlitz. Sie hatte große Augen und hoch liegende Wangenknochen, wodurch ihr Gesicht schmal wirkte und etwas zu streng für seinen Geschmack. Besonders in Anbetracht dessen, dass ihr dunkles Kleid einen unmodern hohen Kragen besaß. »Erschleichen Sie sich eine Vorstellung, Lord Blackwell?« Ihre Augen waren gar nicht braun. Eher gelblich. Ungewöhnliche Augen, mit denen sie ihn auch noch abschätzig musterte.
»Keineswegs.«
Sie neigte den Kopf und wandte sich ab, um die Stufen weiter hinabzugehen. Ihr Kleid folgte ihr mit zwei Stufen Verspätung, aber mehr als die schlichten Pantoffeln war darunter nicht auszumachen.
»Also schön, vermutlich erschleiche ich mir doch eine Vorstellung.«
Sie hielt inne, drehte sich aber wieder nicht zu ihm um. »Neugierde ist keine Tugend, Lord Blackwell. Guten Tag.«
Sie ließ ihn stehen. Am Fuß der Treppe wandte sie sich in den Gang, der sie zu den Gesellschaftsräumen führen musste, die am Morgen natürlich nicht genutzt wurden. Die in Bender House nie genutzt wurden, schließlich lebte der Freund hier völlig allein. Blake war nah dran, der Unbekannten zu folgen. Allerdings war sie der Aufmachung nach deutlich von Stand. Sie kannte seinen Rang, hatte vor ihm in exakt vorgeschriebener Tiefe geknickst … Wer auch immer sie war, sie hatte wohl einen Grund, durch Charles’ Haus zu flanieren.
Irritiert stapfte er weiter. Der Freund hielt sich in seinem Arbeitszimmer in ersten Stock auf, das eher einer Bibliothek glich und vermutlich auch mal eine gewesen war, bevor Charles den Raum für sich beansprucht hatte.
Der Freund sah kurz von seinem Schreibtisch auf und ließ ein Lächeln aufflammen, das gleich wieder verschwand. »Zu spät.«
Blake schüttelte den Kopf. »Da war eine Frau auf deiner Treppe, die hat mich aufgehalten, sonst wäre ich selbstredend pünktlich gewesen.« Er wartete, aber Charles bot keine Erklärung an. »Eine junge Frau im Haus eines Junggesellen.«
»Ja, das klingt fragwürdig.«
»Charles, hörst du mir überhaupt zu?«
»Du sprichst über Frauen.« Der Freund stellte seine Feder ab und streute Sand auf sein Billett. »Oder nicht?«
Blake schüttelte den Kopf. »Eine Frau in deinem Haus. Jung, hübsch und nicht bereit, mir ihren Namen zu nennen.«
Charles wirkte verwirrt. »Ich hätte jetzt auf Charlie getippt, aber jung und hübsch passt da nicht.«
Blake starrte ihn an. Der Freund stöpselte das Tintenfass zu, kippte den Löschsand zurück in sein Behältnis und überflog sein Schreiben, bevor er es siegelte. Alles mit absoluter Gemütsruhe. Blake selbst war weit entfernt von irgendwie gearteter Ruhe.