: Vera-Maria Giehler
: Das Paar im Fokus Eheberatung in Westdeutschland 1945-1965
: De Gruyter Oldenbourg
: 9783111099071
: Family Values and Social ChangeISSN
: 1
: CHF 75.20
:
: Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
: German
: 440
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

In welchem Verhältnis standen Selbstverständnis und Praxis institutionalisierter nichtkonfessioneller sowie katholischer Eheberatungsstellen? In ihrer an der Schnittstelle von Sozialgeschichte, Geschichte der Sozialen Arbeit und Kirchengeschichte angesetzten Studie blickt Vera-Maria Giehler auch auf der Mikroebene in die Beratungssituation selbst. Mit den zum ersten Mal ausgewerteten Briefwechseln, Protokollen und Berichten aus Beratungsstellen soll so eine Forschungslücke zu einem zeitgenössisch viel diskutierten Themenfeld geschlossen werden.

Eheberatung diente den Ratsuchenden, jedoch auch gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen. Die Autorin arbeitet verschiedene Aspekte der Beratungen heraus: individuelle Hilfe, soziale Kontrolle, Institutionalisierung, Professionalisierung sowie Beratende und auch Ratsuchende als die Situation beeinflussende Akteure. Dabei wird eine starke Ambivalenz aufgezeigt - zurückzuführen auf miteinander verwobene institutionelle Ebenen, denen unabhängig agierende Beratende gegenüberstanden. Selbstverständnis und Zielsetzung vorgesetzter Ebene spiegelten sich nur selten in der Praxis, die sich eher an den Bedürfnissen der Ratsuchenden orientierte. Darüber hinaus werden insbesondere die Kontinuität eugenischen Denkens in der nichtkonfessionellen Eheberatung und die weibliche Laienarbeit mit personalem Ehe- und Liebesverständnis in der katholischen Beratung verdeutlicht.



Vera-Maria Giehler, Ludwig-Maxmilians-Universität München.

1 Die Wurzeln der Eheberatung in der Weimarer Republik und ihre Entwicklung im „Dritten Reich“


Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sanken die Geburtenzahlen, die Scheidungsraten stiegen und auch der Bevölkerungsverlust durch den Ersten Weltkrieg machte sich bemerkbar. Politik, Medizin und Wissenschaft begannen, diese Phänomene intensiv zu diskutieren.1 Für die abnehmenden Geburten und zahlreicher werdenden Trennungen machten viele Akteure die „Rationalisierung“ der Sexualität, d. h. die individuelle Kontrolle der Fortpflanzung, verantwortlich. Vertreter aus Eugenik und Rassenhygiene, welche die Lehre von der „genetischen Verbesserung“ der Bevölkerung propagierten,2 beeinflussten diese Debatten wesentlich.3 Eugenik galt als angewandte Wissenschaft, um Perspektiven zur Selbststeuerung der menschlichen Evolution auszuloten und mit Hilfe des Staates umzusetzen.4 Mit ihren biopolitischen Utopien ist sie als Phänomen einer Moderne zu werten, die mit Wissenschaft Handlungsräume eröffnete und erweiterte.5 Weingart ordnet die Eugenik einem Rationalisierungs- und Verwissenschaftlichungsprozess zu, der Handlungsbereiche überhaupt erst zu Wissensfeldern mache, die wiederum selbst das Handeln orientieren.6

Letztlich strebten Eugeniker an, die menschliche Fortpflanzung zu kontrollieren.7 Medizinisch auf die Nachwuchsplanung und Zeugung Einfluss zu nehmen, schien einen praktikablen Zugriff vor allem auf das Reproduktionsverhalten der Arbeiterschichten zu bieten. Dabei zielte die „positive Eugenik“ darauf, über eine entsprechende Steuer- und Familienpolitik die „Erbtüchtigen“ zur Reproduktion zu animieren und den Anteil der als wünschenswert beurteilten Erbanlagen zu vergrößern.8 „Züchterische Maßnahmen“ versprachen höhere Intelligenz, bessere körperliche Konstitution, Schönheit oder „rassische Reinheit“.9 Bei der „negativen Eugenik“ hingegen stand im Fokus, unerwünschte Anlagen zu verringern und als „minderwertig“ Betrachtete aktiv an der Fortpflanzung zu hindern. Dies reichte bis hin zur Sterilisierung.10 Diese Ideen konsequent umzusetzen, bedeutete letztlich, das Sexualverhalten der Bevölkerung zu kontrollieren. Einen Zugang dazu bot die Ehe, vor allem aber die Beratung und Untersuchung junger, heiratswilliger Paare, um deren „Erbgut“ mit Gesundheitszeugnissen einzuschätzen. Dies sollte zumindest die Möglichkeit offenhalten, von der Ehe abzuraten oder sie auch in letzter Konsequenz zu verbieten. Hier findet sich der Beginn der institutionellen Eheberatung, die sich bereits nach wenigen Jahren in eine amtliche eugenische, eine katholische und eine evangelische Richtung ausdifferenzierte. Dies geschah in Abgrenzung zur Sexualberatung, die verschiedene private und staatliche Träger mit Zielsetzungen wie sexuelle Aufklärung und Verhütung gegründet hatten. Dazu gehörte beispielsweise der Bund für Mutterschutz. Die Nationalsozialisten schlossen bald nach ihrem Machtantritt die Sexualberatung und vereinnahmten die Eheberatung für ihre Ziele.

1.1 Amtliche Beratungsstellen


Als erster Akteur hatte sich der Deutsche Monistenbund aus eugenischen Motiven dafür eingesetzt, potenzielle Ehepartner dazu zu verpflichten, Gesundheitszeugnisse auszutauschen. Bereits im Ja