Die Schuhe
vonHans Joachim Alpers
Als die dänische Polizei nicht weiterkam, hatte sich jemand an Hauke Brodersen erinnert.
»Was hältst du davon?«, fragte Kjeld Borg den Deutschen und deutete auf die Schuhe. Er sprach sehr gut Deutsch, wenn auch mit deutlichem Akzent.
Brodersen, der die dänische Aussprache deutscher Wörter liebte, ließ sich Zeit mit der Antwort. Langsam umrundete er den Fundort. Ein milchfarbener Eimer aus Kunststoff mit verrostetem Henkel. Strandgut, wie man es an jedem Nordseestrand finden kann. Jemand hatte ihn aufgelesen, zu den Dünen getragen, umgestülpt und mit drei dicken, ebenfalls am Strand gefundenen Steinen beschwert. Eine Landboje, eine Markierung, um den Ort wieder zu finden. Oder ihn von anderen finden zu lassen. Rund um den Eimer herum standen sieben Paar Sportschuhe, große und kleine, mehr oder weniger abgetragen, alle ordentlich ausgerichtet, die Spitzen zum Meer zeigend. Hinzu kam ein einzelner weißer Schuh, an den Seiten rot abgesetzt, mit ebenso roten Schnürsenkeln versehen und für einen eher zierlichen Fuß bestimmt. Er lag schräg im Sand, als hätte der Träger oder die Trägerin zu lange getrödelt und nicht mehr die Zeit gehabt, dem peniblen Beispiel der anderen zu folgen.
Brodersen deutete auf diesen Schuh. »Wo ist der zweite?«
Der junge Inspektor, der aus Ringkøbing gekommen war, zuckte die Achseln. »So haben wir das Ganze vorgefunden.«
»Vielleicht haben sich ein paar Leute einen Scherz erlaubt. Aus einer Bierlaune heraus.« Er glaubte nicht wirklich daran. Einige der Schuhe waren fast neuwertig und trugen Markennamen wie Nike, Adidas oder Reebok. Wer kam schon auf die Idee, Schuhe im Wert von sechzig oder siebzig Euro pro Paar zu opfern, um anderen ein Rätsel aufzugeben?
»Aber acht deutsche Touristen sind spurlos verschwunden«, widersprach Borg.
Brodersen nickte. Er war vor seiner Pensionierung als Kommissar in Niebüll tätig gewesen und hatte sich nach dem Anruf der Dänen von den früheren Kollegen über den Fall informieren lassen. Vier miteinander befreundete Paare aus Dortmund und Essen, die in der Nähe von Nymindegab zwei Ferienhäuser gemietet hatten, galten als vermisst. Ihre Sachen befanden sich noch in den Ferienhäusern, und ihre Autos standen davor. Nur der totalen Nachrichtensperre der dänischen Polizei war es zu verdanken, dass sich die Medien noch nicht über den Fall hergemacht hatten. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis es zwischen Nymindegab und Hvide Sande von Journalisten und Fernsehteams nur so wimmeln würde.
Hauke Brodersen schaute zu den Dünen empor, dann den weißgelben Strand hinab zur Nordsee. Schaumgekrönte Wellen wurden vom Westwind herangepeitscht, brachen sich an unterseeischen Sandbänken und brandeten gegen das Land. Ihr stetiges Rauschen und das Geschrei von darüber kreisenden beutehungrigen Möwen waren die einzigen Geräusche. Der Strand lag fast ausgestorben da. Nur in der Ferne waren ein paar Wanderer in dicken Jacken unterwegs. Es war ein kalter Apriltag, an dem es nur die Liebhaber einer rauen Natur an die Nordseeküste trieb. Die nur gelegentlich aus den Wolken hervorlugende Sonne stand