Die Glocken der Abtei Saint-Michel-de-Frigolet, die zur Morgenmesse riefen, klangen an diesem Sonntag gerade so, als läuteten sie direkt in Margeaux Surfins Schlafzimmer. Prompt hörte sie auch, wie Michels Wagen ansprang und der drahtige Nachbar in seinen Wagen stieg, um dem Ruf zur frühmorgendlichen Messe zu folgen. Margeaux presste ihr Kopfkissen an sich und wagte mit leicht geöffneten Augen einen Blick in Richtung Fenster. Dabei begegnete sie Willis leuchtend braunen Augen. Er schien zu lächeln, wohl wissend, dass er nichts unter ihrer Decke zu suchen hatte.
Es war wieder einmal spät geworden, während sie in die Kapitel eines Fachbuches über das spannende Konzept der Mimikresonanz vertieft gewesen war. Ihre intuitive Fähigkeit, Emotionen im Gesicht ihres Gegenübers zu entschlüsseln, war ihr schon oft zugutegekommen und hatte ihr häufig einen nicht zu unterschätzenden Wissensvorsprung verschafft. Dies nun noch um eine weitere Komponente auszubauen, erschien ihr als nächster Entwicklungsschritt schlüssig. Die Methode befasste sich unter anderem damit, die Beobachtungen auch mit den wirklich richtigen Worten zu verbalisieren, also die Emotion, die sie treffsicher erkannt hatte, auch mit dem richtigen Gefühlsbegriff zu benennen. Unbewusst hatte sie diese Vorgehensweise schon häufig angewendet, aber sie mochte es, wenn etwas auch wissenschaftlich fundiert war. Und es war wirklich spannend, sich selbst z