1 Unrecht im Kleinformat
Wenn der Kommerzienrat X bei einer Autofahrt eine Hautabschürfung davonträgt, dann bringt die Presse eine lange Schmonze mit ausführlichen Details und Mitteilungen über das Befinden des Herrn X. Eine Spalte weiter kann man dann in demselben Teil der Zeitung lesen, daß beim Ausschachten vier Arbeiter verschüttet wurden, daß einer Arbeiterin in der Maschine zwischen den Walzen der Arm zerquetscht wurde und daß ein Bauhandwerker vom Gerüst stürzte. Diese Meldungen übermittelt in vielen Orten die Polizei der Presse. Dann heißt es kurz: „Die täglichen Betriebsunfälle“. Aehnlich wie im Kriege der Grenadier Y zu einer Zeile in der Verlustliste zusammengeschossen wurde, so nimmt die bürgerliche Öffentlichkeit vom tödlichen Unfall eines Proletariers durch eine zweizeilige Polizeinotiz Kenntnis.1
Mit dieser Kritik weist der kommunistische Redakteur und Landtagsabgeordnete Paul Böttcher im Jahr 1927 der bürgerlichen Presse der Weimarer Republik einen Klassenstandpunkt zu, der sich weniger in inhaltlichen Positionierungen ausdrückt als in einer Disparatheit der Formatierungen: ‚Lange Schmonzen‘ über triviale Geschic