Hannah
Irgendwo piepste die Alarmfunktion einer Armbanduhr. Jemand übergab sich, lautstark und ganz in ihrer Nähe. Mehrere Fahrgäste hingen in aberwitzigen Positionen über den Sitzen, die überwiegend aus der Verankerung gerissen worden waren. Blut sammelte sich in Augenhöhlen oder tropfte aus weit aufgeklappten Mündern.
Hannah registrierte die neue Situation mit klinischer Sachlichkeit. Da schlug ihr Vater durch, hätte ihre Mutter jetzt gesagt. Ihr Vater konnte das auch, sachlich bleiben. Der Umgang mit dieser Kaltschnäuzigkeit war nicht immer einfach. Aber es gab Situationen, in denen nur das weiterhalf.
Sie löste den Sicherheitsgurt und rutschte von ihrem Sitz. Der Gurt hatte ihr vermutlich das Leben gerettet. Als der Bus umkippte und sich auf dem steilen Abhang zweimal überschlug, wirkten Kräfte auf die im Bus befindlichen Körper ein, die durch einfaches Festhalten nicht mehr beherrschbar waren. Die vielen Verletzten gingen hauptsächlich auf diesen – letzten – Akt des Unfallgeschehens zurück. Jetzt lag der Bus still und in einem Winkel von annähernd fünfundvierzig Grad in einer Schneewehe und rührte sich nicht mehr.
Auch sie, Hannah, hatte ein paar Blessuren davongetragen, jedoch nichts Ernstes. Zum Beispiel war nichts gebrochen, nichts blutete. Damit waren innere Verletzungen zwar nicht ausgeschlossen, aber ihrem ersten Eindruck nach war sie wohlauf.
Jetzt regten sich auch andere. Hannah hörte Leute stöhnen, andere schreien. Das Heulen war verstummt, vorerst jedenfalls. Sie blickte umher, um den Schaden aufzunehmen. Der Bus war mit insgesamt zwölf Studenten kaum ausgelastet, aber er war halt das Transportmittel, das die Academy für sie bereitgestellt hatte. Schätzungsweise die Hälfte der Studenten hatte den Unfall nicht überlebt, vornehmlich die, die nicht angeschnallt waren.
Aber da war noch etwas anderes, etwas, das mehr Ahnung war als Gedanke, aber noch Folgen haben könnte. Draußen tobte ein Blizzard, und sie steckten in einem Bus fest, der bereits zur Hälfte in einer Schneewehe versunken war. Was bedeutete das? Was folgte daraus? Der Gedanke trat jedoch gleich wieder in den Hintergrund, weil im selben Moment eine Stimme an ihr Ohr drang.
»Hey!HEY! Kann mir jemand helfen? Meine Schwester ist eingeklemmt.«
Hannah blickte durch den Mittelgang nach hinten. Im Heck des Wagens kauerte ein übergewichtiger Typ mit schwarzer Lockenmähne neben einem verletzten Mädchen und hatte ihren Kopf in seinen Schoß gebettet.
Hannah zögerte. Sie war selbst noch ganz benommen und musste ihre Gedanken erst sortieren. Zwar gehörte sie nicht zu denjenigen, die unangenehme Aufgaben lieber auf andere abwälzten, jedoch ertrug sie die physische und emotionale Nähe nicht, die mit dem sich abzeichnenden Drama unweigerlich verbunden war. Da sich aber offenbar niemand zur Hilfeleistung in der Lage sah und sie außerdem