• Wer hat dieses Narrativ in die Welt gesetzt?
• Welche Interessen stehen dahinter?
• Warum ist es erfolgreich?
Dieser Essay möchte zeigen, dass die vermeintliche »systemische Rivalität« zu China und anderen Staaten zwar eine Rivalität ist, aber keine systemische. Die Aufgabe unseres Jahrhunderts besteht darin, aus diesen althergebrachten Freund-Feindmustern auszubrechen und unterschiedliche Entwicklungswege und kulturelle Eigenheiten zuzulassen. Denn die Menschenrechte, die keine »westlichen« Werte sind, werden wir nur dann schützen und bewahren, wenn wir ihnen voll und ganz entsprechen. Toleranz, Diversität und Offenheit lassen sich einfordern, wenn wir sie im Umgang mit anderen selbst praktizieren. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit versammelt das 21. Jahrhundert im Zeichen der globalen ökologischen Katastrophe alle im selben Boot. Meistern können wir sie nur, wenn wir auf das schauen, was alle Länder und Kulturen eint, nicht auf das, was sie trennt. Es wird kein Jahrhundert des »Entweder-oder« nach dem Zuschnitt einer Hegemonialmacht mehr sein, wie die vergangenen – sondern, will sich die menschliche Zivilisation nicht selbst vernichten: das Jahrhundert der Toleranz.Richard David Precht, geboren 1964, ist Philosoph, Publizist und Autor und einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Er ist Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Seit seinem sensationellen Erfolg mit »Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?« waren alle seine Bücher zu philosophischen oder gesellschaftspolitischen Themen große Bestseller und wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Seit 2012 moderiert er die Philosophiesendung »Precht« im ZDF und diskutiert zusammen mit Markus Lanz im Nr.1-Podcast »LANZ& PRECHT« im wöchentlichen Rhythmus gesellschaftliche, politische und philosophische Entwicklungen.
Francis Fukuyama ist ein charmanter und sympathischer Mensch. Und die These, die ihn berühmt machte, hat er schon oft widerrufen, nicht zuletzt in einem Fernsehgespräch, das wir beide führten.8 Es ist jene Rede vom »Ende der Geschichte«, mit der der US-amerikanische Politologe Anfang der Neunzigerjahre nahezu schlagartig berühmt wurde. So hatte Fukuyama 1992 gemeint, dass »die liberale Demokratie möglicherweise ›den Endpunkt der ideologischen Evolution der Menschheit‹ und die ›endgültige menschliche Regierungsform‹ darstellt. Sie wäre demnach ›das Ende der Geschichte‹. Während frühere Regierungsformen schwere Mängel und irrationale Züge aufwiesen, die schließlich zu ihrem Zusammenbruch führten, ist die liberale Demokratie bemerkenswert frei von solchen fundamentalen inneren Widersprüchen«.9
Keiner dieser Sätze geht Fukuyama – und mit ihm den meisten, die sich mit der Frage beschäftigen – heute noch glatt über die Lippen. Weisen Demokratien keine Mängel und keine irrationalen Züge auf? Man denke hier stellvertretend an Donald Trump und an die gewaltige Renaissance rechter Kräfte in Europa. Man denke an die anschwellende Kritik an den liberalen Demokratien in Westeuropa durch eine gegenwärtig stark anwachsende Zahl von Bürgern. Man denke an die Rolle der etablierten Massenmedien, die unter dem Druck der Direktmedien Abweichungen von der als solche ausgegebenen gesellschaftlichen Mitte oft heftig brandmarken und anprangern und vielfach vom Journalismus zum Aktivismus übergehen. Und man denke an den damit einhergehenden von ungezählten Meinungsforschungsinstituten diagnostizierten Vertrauensverlust sowohl in die Politik als auch in die Leitmedien mit gefährlichen Folgen für die Stabilität und den Zusammenhalt der Gesellschaften. Die Zahl der Menschen wächst, die sich die Frage stellen: Wie weit darf Freiheit durch informelle Verengung des zulässigen Meinungsspektrums verengt werden?
Nein, frei von inneren Widersprüchen sind die zu Anfang des 21. Jahrhunderts schwer unter Druck geratenen liberalen Demokratien gewiss nicht. Dem kurzen berauschenden Frühling der liberalen Demokratie nach dem Zusammenbruch des sich als Kommunismus selbst missverstehenden Staatskapitalismus in Osteuropa war die gefährliche Dürre des Neoliberalismus gefolgt; ein politischer Klimawandel mit weitreichenden Folgen. Denn stehen wir nicht heute innenpolitisch vor einem Herbst der Unwetter und Wirbelstürme? Was vor einem Jahrzehnt noch unverrückbar und stabil erschien, scheint heute nicht mehr auf Ewigkeit feststehend zu sein. Und der von Fukuyama festgelegte Endpunkt der Evolution könnte möglicherweise nur ein Zwischenstadium sein. Die klimatischen Voraussetzungen, die liberale Demokratien blühen lassen, sind hoch anspruchsvoll, und ein weltpolitischer Klimawandel bringt sie viel leichter ins Trudeln, als sie sich das ihrem Selbstverständnis nach bislang hatten träumen lassen. Kein Wunder, dass auch Fukuyama im Februar 2017 einräumen musste: »Vor 25 Jahren hatte ich weder ein Gespür dafür noch eine Theorie davon, wie Demokratien sich rückwärts entwickeln können. Und ich denke, dass sie das ganz klar können.«10
Und doch ist es nicht in erster Linie die innenpolitische Entwicklung der liberalen Demokratien, die Fukuyamas Rede vom Ende der Geschichte heute so anachronistisch erscheinen lässt. Gemeint war ja nicht nur, dass liberale Demokratien, dort, wo sie existieren, der Endpunkt der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit seien; sondern dass sie über kurz oder lang zur überzeugenden Blaupause für jeden Staat auf der Erde werden würden. Das stärkste Argument dafür war ihre Wirtschaftskraft. Die Implosion der politischen und wirtschaftlichen Systemarchitektur in Osteuropa nach dem Mauerfall in der DDR schien eine unmissverständliche Botschaft in sich zu tragen: Das kapitalistische Wirtschaften, allen voran sein Update als freie und soziale Marktwirtschaft, ist jedem anderen Wirtschaftssystem haushoch überlegen. Planwirtschaft dagegen ist nicht nur ineffizient, sondern der menschlichen Natur widersprechend. Nur der Kapitalismus entfaltet die kreative Energie des Menschen und führt zu hocheffektivem Wirtschaften. Und nur kapitalistische Wirtschaftssysteme mit freien Märkten ermöglichen die sofortige Fehlerkorrektur durch Anpassung an den Markt, deren Mangel Planwirtschaften ins Leere laufen lässt. Ein solches liberales Wirtschaften aber sei einzig und allein in parlamentarischen Demokratien möglich, in Staaten, die die Wirtschaft zwar sanft moderieren, sie aber nicht leiten und lenken; in Staaten zugleich, die ein hohes Maß an Presse- und Meinungsfreiheit zulassen und deren Rechtsstaat die Rechte jedes einzelnen Bürgers bestmöglic