KAPITEL EINS
JULIAN
Ich bin ungefähr zehn Sekunden davon entfernt, meinen gottverdammten Verstand zu verlieren, und schuld daran ist die unerträglich langsame Autofahrerin, die die einzige Straße blockiert, die in den Ort führt.
Die Sonne ist vor zwanzig Minuten untergegangen, sodass ich nichts anderes erkennen kann als das von meinen Frontscheinwerfern erleuchtete kalifornische Nummernschild. Ich widerstehe dem Drang, das Fernlicht aufblitzen zu lassen und zu hupen, obwohl ich ihm beinahe nachgebe, als der schwarze Mercedes leicht zur Seite ausschert, ehe er wieder zur Mitte der Spur zurückschwenkt.
Cálmate.*Bis zur Main Street sind es nur noch fünf Meilen.
Auch wenn ich versucht bin, das andere Auto zu überholen, damit ich rechtzeitig zur Talentshow meines Patensohnes komme, will ich nicht riskieren, meinen neuen McLaren auf dem unbefestigten Straßenrand zu beschädigen. Ich habe nicht die letzten paar Jahre meines Lebens damit verbracht, hin und her zu überlegen, ob ich mir tatsächlich meinen Traumwagen anschaffen soll, nur um eine Woche nach seiner Lieferung die Federung zu ruinieren.
Der Klingelton meines Handys, auf dem im nächsten Moment der Name meines Cousins angezeigt wird, lässt mich zusammenschrecken. Ich atme tief durch, ehe ich unwirsch die Annahmetaste am Lenkrad betätige.
»Wo zur Hölle steckst du?« Rafaels barscher Flüsterton erfüllt das Wageninnere.
»Ich bin in zehn Minuten da.«
Ein missbilligendes Brummen folgt. »Aber die Show beginnt schon in fünf.«
»Keine Sorge. Ich schaffe es, bevor Nico auf die Bühne kommt.«
»Kein Plan, wie das funktionieren soll, wenn er schon bei der ersten Nummer mitmacht.«
Mierda.** »Das wusste ich nicht.«
»Das Programm wurde in letzter Minute geändert, weil ein paar Kinder sich irgendwas eingefangen haben. Das hab ich dir heute Morgen geschrieben.« Er versucht nicht einmal, seine Verärgerung zu verbergen.
Meine Hände klammern sich wie von selbst fester um das Lenkrad. »Das Meeting in Lake Aurora hat viel länger gedauert als erwartet.«
»Natürlich.«
»Bald sollte es bei mir wieder etwas ruhiger werden.«
»Ganz bestimmt.« Sein ironischer Tonfall schürt meine Wut nur noch mehr.
Bevor seine Frau vor zwei Jahren die Scheidung einreichte, war Rafael als der gelassene Lopez-Cousin bekannt, der sich stets darum bemühte, allen anderen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
Nun durchbricht sein resigniertes Seufzen die Stille. »Schon in Ordnung. Nico wird es verstehen.«
Mein Patensohn mag für seine acht Jahre reif sein, aberso reif nun auch wieder nicht. Und nach allem, was er während der Scheidung seiner Eltern durchgemacht hat, weigere ich mich, Teil der Liste seiner familiären Enttäuschungen zu werden.
»Deine Mom hat dir einen Platz hinten in der Aula freigehalten, falls du es doch noch schaffst.«
»Rafa, ich werde …«
Er beendet den Anruf, ehe ich meinen Satz beenden kann.
Pendejo.***
Rafa und ich sind in letzter Zeit häufig aneinandergeraten, hauptsächlich wegen seiner Art und meines vollen Terminkalenders, da ich das Bauunternehmen meines verstorbenen Vaters leite. Obwohl ich mein Bestes gebe,