: Lukas Mairhofer
: Bertolt Brechts Interferenz mit der Quantenphysik Das moderne Theater und die moderne Physik
: Walter de Gruyter GmbH& Co.KG
: 9783110546538
: Literatur- und NaturwissenschaftenISSN
: 1
: CHF 88.50
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: "Deutsche Sprachwissenschaft; Deutschsprachige Literaturwissen- schaft"
: German
: 286
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Quantenmechani und Brechts Episches Theater erschüttern das Paradigma einer unbeteiligten Betrachtung, die ihren Gegenstand unverändert lässt. Auf beiden Gebieten wird die Annahme der Kontinuität und strikten Kausalität der untersuchten Vorgänge sowie der Anschaulichkeit, der Individualität und Identität der beobachteten Objekte prekär.

Erstmals wird Brechts Bezug zur Quantenmechanik ausführlich untersucht. Die Wechselwirkung zwischen dem neuen Theater und der neuen Physik baut auf einem gemeinsamen historischen, sozialen und biographischen Hintergrund auf und schöpft aus einem Reservoir gemeinsamer Konzepte und Methoden. Die Spuren der Interferenz der beiden Wissensgebiete finden sich im Archiv mit dem Nachlass des Philosophen und Physikers Hans Reichenbach ebenso wie in Brechts Kaukasischem Kreidekreis. Aus der Neubestimmung von Atom und Individuum und ihrer problematischen erkenntnistheoretischen Beziehung zieht Brecht weitreichende ästhetische und ethische Konsequenzen und entwickelt in seinem Spätwerk eine Verhaltenslehre der Unschärfe.



ukas Mairhofer, Universität Wien, Österreich.

1 Präludium: Helsinki im Winter


Helsinki im Winter: Das bedeutet vier Stunden Sonnenlicht am Tag, die Lufttemperatur bleibt fast durchgehend unter dem Gefrierpunkt des Wassers und eines der sehenswertesten Gebäude der Stadt ist der Bahnhof. In diesem Bahnhof treffen einander in Bertolt BrechtsFlüchtlingsgesprächen die beiden deutschen Emigranten Kalle und Ziffel. Der Arbeiter Kalle, dem Konzentrationslager entkommen, und der Physiker Ziffel, von der Universität vertrieben, diskutieren bei einem Bier und einem Kaffee über den Zustand der Welt: Über den Zweiten Weltkrieg, der gerade ausgebrochen ist; über den Nationalsozialismus und über ihre Flucht vor der Verfolgung; dann kommt das Gespräch auf die Weltwirtschaftskrise, die all dem vorausgegangen ist. Hier, beim Gespräch über die Ökonomie, taucht in denFlüchtlingsgesprächen plötzlich die Quantenmechanik auf. Der Physiker Ziffel beschreibt das Problem, die Entwicklung dieser Krise zu verstehen:

Der Untersuchung der Situation stellten sich eigentümliche Schwierigkeiten in den Weg. Ich muß hier an eine Erfahrung der modernen Physik denken, den Heisenbergschen Unsicherheitsfaktor. Dabei handelt es sich um folgendes: die Forschungen auf dem Gebiet der Atomwelt werden dadurch behindert, daß wir sehr starke Vergrößerungslinsen benötigen, um die Vorgänge unter den kleinsten Teilchen der Materie sehen zu können. Das Licht in den Mikroskopen muß so stark sein, daß es Erhitzungen und Zerstörungen in der Atomwelt, wahre Revolutionen, anrichtet. Eben das, was wir beobachten wollen, setzen wir so in Brand, indem wir es beobachten. So beobachten wir nicht das normale Leben der mikrokosmischen Welt, sondern ein durch unsere Beobachtung verstörtes Leben. In der sozialen Welt scheinen nun ähnliche Phänomene zu existieren. (Brecht [1967] Bd. 14, 1420)

Der Heisenbergsche Unsicherheitsfaktor, welcher hier angeführt wird, ist die Unschärferelation, die WernerHeisenberg 1927 formuliert hatte und für welche er 1932 den Nobelpreis erhielt. Heisenberg hat diese Relation durch ein Gedankenexperiment begründet, das sogenannte Heisenbergsche Mikroskop (Heisenberg [1927] 174ff.). Tatsächlich richtet das Licht in diesem Mikroskop gewissermaßen „Erhitzungen und Zerstörungen“ an; allerdings kommt es dabei nicht, wie Brechts Formulierung es impliziert, auf die Lichtstärke im physikalischen Sinn an, sondern auf die Wellenlänge des verwendeten Lichtes. Um sehr kleine Objekte im Mikroskop zu sehen, wird möglichst kurzwelliges Licht benötigt – oft wird das Gedankenexperiment deshalb auch alsγ-Strahlen-Mikroskop bezeichnet.

Niels Bohr betont, dass bereits in der klassischen Physik die Wechselwirkung des untersuchten Objekts mit seiner Umgebung das Verhalten des Objekts beeinflusst. (Heisenberg [1969] 147) In der Thermodynamik verfälscht der Messvorgang das Ergebnis – so ändert zum Beispiel das Thermometer die Temperatur ein