: Christian Danz, Werner Schüßler
: Paul Tillich in Dresden Intellektuellen-Diskurse in der Weimarer Republik
: Walter de Gruyter GmbH& Co.KG
: 9783111265247
: Tillich ResearchISSN
: 1
: CHF 106.70
:
: Christentum
: German
: 325
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Der vorliegende Band widmet sich erstmals Paul Tillichs Wirksamkeit in Dresden im Kontext der Intellektuellen-Diskurse der Weimarer Republik. Tillich wurde 1925 auf eine Professur für Religionswissenschaft an der Allgemeinen Abteilung der Sächsischen Technischen Hochschule Dresden berufen und lehrte bis 1929 in der Elbmetropole. In Dresden sind nicht nur grundlegende Werke wieDie religiöse Lage der Gegenwart (1926),Das Dämonische. Ein Beitrag zur Sinndeutung der Geschichte (1926) sowie die beidenKairos-Bände (1926 und 1929) entstanden, auch seine bereits in Marburg begonnene Dogmatik erhielt hier ihre weitere Ausarbeitung. In fünf Sektionen - 1. Streit über die Weimarer Republik, 2. Dresdener Intellektuellenmilieus, 3. Dresdener philosophische Diskurse, 4. Kairos, Religion und Kultur: Theologische Zeitdeutung, 5. Theologische Diskurse in der Weimarer Republik - beleuchtet der Band die unterschiedlichen Facetten und Netzwerke in Tillichs Dresdener Zeit vor dem Hintergrund der Deutungskämpfe um die Weimarer Republik. Auf diese Weise bietet der BandPaul Tillich in Dresden eine erste umfassende Auseinandersetzung mit der Theologie und Religionsphilosophie Tillichs in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre.



Christian Danz, Universität Wien, Österreich;Werner Schüßler, Universität Trier.

Paul Tillich in Dresden


Einleitung

ChristianDanz
WernerSchüßler

Am Dienstag war eine lange Fakultätssitzung. Ich lernteTillich kennen. Junger Mensch, der mit Wärme u. bedeutend spricht. Er setzt sich fürStepun ein. In dieser Sache war ich beiUhlig. Der Minister hat sich geradezu auf St. verpflichtet, der einen angesehenen Namen hat u. für den sich ein Gutachten Husserls sehr ins Zeug legt. Am Samstag war Kroner bei mir gewesen. Wir verabredeten: ich würde für die soziologische Professur St’s eintreten, mit dem Zusatz: ‚unter besonderer Berücksichtigung der russischen Verhältnisse‘. So ist es dann auch gekommen, u. es scheint sicher, daß St. das Extraordinariat erhält.1

Paul Tillich, den der Romanist Victor Klemperer im November 1925 persönlich in einer Fakultätssitzung kennenlernte, in der es – wie Klemperer am 5. November in seinem Tagebuch notiert – um die Berufung des russischen Soziologen Fedor Stepun ging,2 lehrte seit dem Sommersemester 1925 an der Sächsischen Technischen Hochschule in Dresden. Mit Wirkung vom 1. Mai dieses Jahres war er persönlicher Ordinarius auf einer neu eingerichteten planmäßigen außerordentlichen Professur für Religionswissenschaften an der Allgemeinen Abteilung der Technischen Hochschule.3 Zugleich unterrichtete Tillich in diesem Sommersemester noch an der Theologischen Fakultät in Marburg, wo er seit dem Wintersemester zuvor eine außerordentliche Professur innehatte, so dass er zwischen Marburg und Dresden pendelte. Seine Berufung nach Dresden muss man sich wohl so ähnlich vorstellen wie die von Fedor Stepun, von der Klemperer in seinem Tagebuch berichtete. Der an der Technischen Hochschule lehrende Philosoph Richard Kroner4 setzte sich bei dem sächsischen Kultusminister Robert Ulich, der Tillich bereits seit 1918 kannte, für eine Berufung an die Technische Hochschule ein.5 Kroner, Stepun, Klemperer und der Germanist Christian Janentzki gehörten denn auch zum engeren Freundes- und Bekanntenkreis Tillichs in Dresden, für den, wie Klemperer in seinem Tagebuch berichtet, der Name „Logosclique“ erfunden wurde.6 1927 traten sie gemeinsam in dem von Richard Kroner herausgegebenen Band 16 der ZeitschriftLogos in Erscheinung. Tillich steuerte zwei Beiträge für den Band bei:Die Überwindung des Persönlichkeitsideals undLogos und Mythos der Technik.7

Für Tillich, der bis dato noch keine ordentliche Professur innehatte, eröffnete sich im Sommersemester 1925 der Weg in eine gesicherte akademische Karriere. Neben Dresden hatte er noch ein weiteres Eisen im Feuer. Am 29. Mai 1925, also wenige Tage nachdem er in Dresden zum außerordentlichen Professor ernannt wurde, setze ihn der Gesamtsenat der Universität Gießen für die Wiederbesetzung der Professur für Systematische Theologie von Emil Walter Mayer in Gießen primo et unico loco.8 Das verschaffte Tillich eine gute Verhandlungsposition in Dresden, die er auch nutzte. Er entschied sich nicht nur für Dresden, sond