Kapitel 2 – Melancholie
Sierra Leone, Afrika
November 1849
Lucy saß in einem bequemen Schaukelstuhl auf der Veranda der kleinen Farm, in der sie einige Wochen mit ihrer Familie wohnen würde, und starrte in den nahegelegenen Dschungel. Anstatt in dem Buch zu lesen, das auf ihrem Schoß lag, bemitleidete sie lieber ihr Leben.
Nachdem Queen Victoria sie persönlich vor neun Jahren zum Debütantinnenball geladen hatte, war ihre Welt in einer rosaroten Wolke versunken. Ein Fest nach dem anderen hatte sie besucht und war glücklich gewesen, als haufenweise Einladungen adliger Junggesellen ins Haus geflattert waren, die »Lady Lucy« kennenlernen wollten.
Schnell hatte sich herausgestellt, dass sie allesamt verarmt und nur auf ihre Mitgift aus gewesen waren. Niemand wollte aus romantischen Gefühlen um ihre Hand anhalten. Sie war eben ein Bastard und bestand nur zur Hälfte aus blauem Blut. Sie würde vomton auf ewig verachtet werden.
Immerhin waren Papa und ihre Stiefmutter von der feinen Gesellschaft akzeptiert worden, obwohl Diana nicht vom Adel abstammte. Sie war früher Lucys Gesellschafterin gewesen, welch Skandal!
Wenigstens Katie, Lucys ehemalige Nachbarin aus London, war ihr treu geblieben. Katie wohnte jetzt in einem anderen Stadtteil, weil sie natürlich längst verheiratet war, und Lucy hatte versprochen, ihr zu schreiben, solange sie in Afrika verweilte. Doch viel hatte sie bisher nicht erlebt. Meistens saß sie auf der Veranda und starrte ins Leere.
Sich nur wenig zu bewegen, war bei dieser feuchten Hitze ohnehin besser. Immerhin befand sich die Region am Anfang der Trockenzeit und es regnete nicht so viel wie sonst – wurde ihr erzählt. Außerdem würde bald Wind aus der Sahara etwas kühlere und trockenere Luft mit sich bringen. Deshalb hatte Papa diese Reisezeit ausgesucht und weil das Parlament geschlossen hatte. Ab Dezember würde es hier erträglicher sein. Doch im Moment wollte sie sich am liebsten das Kleid vom Körper reißen und in einen Fluss springen.
Papa und Diana holten in Afrika ihre Hochzeitsreise nach. Diese hatten sie nach ihrer Heirat vor zehn Jahren ausfallen lassen, weil Papa überraschend Duke geworden war und ihn jede Menge Verpflichtungen auf Trab gehalten hatten. Etwas später hatte sich Lucys Bruder Jonathan angekündigt. Er war schon acht Jahre alt und manchmal ein Plagegeist. Vor allem auf der langen Seereise hatte er Lucy mehrere Nerven gekostet, weil seine Nanny nicht mitgekommen war. Blythe war schon bei dem bloßen Gedanken, wochenlang mit einem Schiff von England nach Afrika zu segeln, schlecht geworden. Also war sie zu Hause geblieben und hütete solange mit ihrer Köchin Mrs Bell das Haus in London.
Lucy liebte ihren Bruder dennoch inniglich. Mit ihm konnte sie wenigstens Schabernack treiben und ihr ödes Leben für eine Weile vergessen.
Sollte sie ewig bei Papa und Diana wohnen? Sie fühlte sich sehr wohl bei ihnen, aber sie war immer noch unverheiratet – mit sechsundzwanzig Jahren! Kein Mann würde sie mehr wollen.
»Hey, Süße.« Diana trat auf die Veranda und kam auf sie zu. Sie trug ein leichtes Leinenkleid und versteckte ihre schwarzen Haare unter einem großen Sonnenhut. »Mr Tatters hat eine kleine Expedition zu Pferd für uns organisiert. Kommst du mit? Das wird bestimmt spannend.«
Mr Tatters gehörte die Farm, auf der sie seit zwei Tagen lebten, und bot Reisenden geführte Expeditionen durch die Wildnis an. Er war ein Bekannter von Papa. Mr Tatters hatte sie eingeladen, bei ihm zu wohnen, solange sie sich in Sierra Leone aufhielten.
Papa war früher, in einem anderen Leben, zur See gefahren und hatte Freunde auf der ganzen Welt. Ein paar Jahre lang hatte Lucy mit ihm auf seinem Schiff – der Rajula – gelebt und gearbeitet. Es war die beste Zeit ihres Lebens gewesen.
»Ich würde lieber mein Buch fertig lesen«, erklärte Lucy und nahm es schnell zur Hand.
Jonathan, der kleine Wirbelwind, kam auf sie zugelaufen und warf sich in ihren Schoß. »Lucy, du musst mitkommen! Wir werden echte wilde Tiere sehen! Elofanten, Büffel und vielleicht sogar Affen hat Mr Tatters gesagt!«
Sie lächelte sanft und strich ihm über das dunkelbraune Haar. »Ein anderes Mal komme ich mit. Versprochen. Ich fühle mich noch etwas erschöpft von der Anreise.« Sie wollte ihre Familie wirklich gerne begleiten, aber ihr fehlte tatsächlich der Antrieb. Ihr aktueller Zustand machte sie traurig und müde.
Papa und Diana hofften, dass sie in Afrika auf andere Gedanken kam. Aber das bezweifelte sie sehr, da sie wusste, dass sich nach ihrer Rückkehr nichts ändern würde.
Papa musste leicht den Kopf