Miles Cavanagh blickte von der Gerichtsurkunde auf, die er in der Hand hielt, und krauste die Stirn. „Es scheint, dein Vater war nicht mehr klar bei Verstand, Colum. Wer, wenn nicht du, käme als Vormund für das Mädchen in Frage?“
Sein neuer Stiefvater setzte eine betuliche Miene auf. „Einem Mann, der sich anschickt, aus dem Leben zu scheiden, steht es durchaus zu, dass er sich von seinen guten Geistern verabschiedet.“
„Um sich stattdessen einen Floh ins Ohr setzen zu lassen?“
Colum Monahan war ein Mann mittleren Alters. Er trug immer noch seine Reisegarderobe und drohte schalkhaft mit dem fleischigen Zeigefinger. „Versuche nicht, mir die Schuld zu geben, Miles. Vater war tot und das Testament besiegelt, Stunden bevor ich in Foy angekommen bin.“
Miles musste ihm im Stillen Recht geben, doch es war typisch für Colum, dass er sich vor einer unbequemen Pflicht drückte. Er war ein charmanter, aber träger Mann, der es sich gut gehen ließ und stets das Beste vom Leben erwartete, was ihm erstaunlicherweise auch meist geboten wurde, einschließlich der hübschen Mutter von Miles.
Und nun der glückliche Umstand, von einem lästigen Mündel verschont zu bleiben.
Er stand offenbar mit Kobolden im Bunde.
„Was zum Teufel mag in ihn gefahren sein?“, fragte Miles. „Wie kann jemand, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, einem Fünfundzwanzigjährigen die Vormundschaft über seine Enkelin anvertrauen, eine junge Frau von zwanzig Jahren?“
„Ich weiß es nicht …“
„Dabei kennt er mich kaum.“
„Mein lieber Junge, Vater ist außer Reichweite, und es hat keinen Zweck, deine Wut an mir auszulassen.“
Miles raufte sich die Haare. „Entschuldige, aber dass mir eine solche Bürde auferlegt wird, ist kaum zu ertragen.“
„Ruhig Blut. Es trifft dich am Ende noch selbst der Schlag, wenn du deine cholerische Art nicht im Zaum hältst.“
„Ich bin nicht cholerisch.“
Colum füllte zwei Gläser mit Weinbrand und reichte Miles eines davon. „Alle Rothaarigen neigen zu Wutausbrüchen.“
„Meine Haare sind nicht rot, und ich bin der Ruhigsten einer.“ Miles öffnete die aufeinander gepressten Lippen, um einen Schluck aus seinem Glas nehmen zu können. „Es passt mir nicht, für eine junge Frau Verantwortung zu tragen, schon gar nicht für Felicity, die du, wie ich mich erinnere, als einen ‚wahren Unband‘ bezeichnet hast.“
Colum machte es sich in seinem Lieblingssessel bequem. „Das gute Kind wird mit den Jahren schon noch zahm werden. Während der Trauerfeierlichkeiten hat sie sich durchaus anständig betragen.“ Er zwinkerte Miles auf eine Weise zu, die ihm selbst Ähnlichkeit mit einem stämmigen Kobold verlieh. „Und hübsch ist sie allemal. Dunkle Haare, dunkle Augen und eine sehr vorteilhafte Figur.“
„Herrje, auch das noch! Wenn es denn sein muss, dass ich mich um ein Mündel zu kümmern habe, wär’s mir lieber, es sähe unauffällig aus. Ich weiß schließlich, wie junge Männer sind.“
„Kein Zweifel, das weißt du, mein Junge.“ Colum schaute empor auf das prächtige Stuckwerk unter der Decke und lächelte.„Übrigens, ihr fällt ein stattliches Erbe zu.“
Miles starrte ihn an. „Ein Erbe? Dein Vater wird ihr doch nicht viel hinterlassen haben.“
Colum senkte seine hellen Augen. „Du vergisst ihren Großvater mütterlicherseits, Miles.“
In der Tat. An die Verwandtschaft der Nichte seines Stiefvaters hatte Miles nie einen Gedanken verschwendet, zumal er der Ansicht war, dass sie ihn nichts anging.
Im vergangenen Sommer, kurz nach der Trauung seiner Mutter und Colum, war Miles mit dem glücklichen Paar nach Foy Hall gefahren, dem Familiensitz seines Stiefvaters. Felicity Monahan hatte sich zu dieser Zeit in England aufgehalten, zu Besuch bei der Familie ihrer Mutter, von der ihr eine unverhoffte Erbschaft in Aussicht gestellt worden war.
„Ist dieses Erbe denn überhaupt der Rede wert?“
Colum kicherte vergnügt. „Wenn ich daran denke, wie sich Vater aufgeregt hat über Patricks Brautwahl … Es passte ihm ganz und gar nicht, dass er die Tochter ‚dieses Bergknappen aus Cumberland‘ zur Frau wollte. Doch dann kaufte dieser Knappe seine eigenen Gruben und schürfte ein Vermögen daraus.“ Er hob sein Glas und prostete Miles zu. „Zwanzigtausend im Jahr, mein Junge.“
„Zwanzigtausend!“
„Eine gute Partie, die kleine