I.
Ideologie.
Hätte der Graf von Monte Christo seit langer Zeit in der Pariser Welt gelebt, so würde er den Schritt von Herrn von Villefort seinem ganzen Werte nach zu schätzen gewußt haben.
Wohlgelitten bei Hofe, ob der regierende König der älteren oder der jüngeren Linie angehörte, ob der erste Minister doktrinär, liberal oder konservativ war, überall wegen seiner Gewandtheit gerühmt, wie man überhaupt diejenigen Leute gewandt nennt, welche nie eine politische Niederlage erlitten haben; von Vielen gehaßt, aber von Einigen warm beschützt, ohne jedoch von irgend Jemand wirklich geliebt zu sein, nahm Herr von Villefort eine von den hohen Stellungen des Beamtenstandes ein und erhielt sich auf dieser Höhe wie ein Harlay oder Molé. Durch eine junge Frau und durch eine kaum achtzehn Jahre alte Tochter aus erster Ehe wiederverjüngt, war sein Salon nichtsdestoweniger einer von jenen strengen Salons in Paris, in denen man den Kultus der Überlieferungen und die Religion der Etiquette bewahrt. Kalte Höflichkeit und unumschränkte Anhänglichkeit an die Grundsätze der Regierung, tiefer Haß gegen die Ideologen, dies waren die von Herrn von Villefort zur Schau gestellten Elemente seines inneren und öffentlichen Lebens.
Herr von Villefort war nicht allein ein Staatsbeamter, sondern beinahe auch ein Diplomat. Seine Beziehungen zu dem alten Hofe, von dem er stets mit Würde und Ehrfurcht sprach, machten ihn bei dem neuen geachtet, und er wußte so viele Dinge, daß man ihn nicht nur beständig schonte, sondern auch bisweilen zu Rate zog. Vielleicht wäre dem nicht so gewesen, wenn man sich seiner hätte entledigen können, aber Herr von Villefort bewohnte, wie jene gegen ihren Oberherrn rebellischen Lehensträger, eine unüberwindliche Feste. Diese Feste war sein Amt als Staatsanwalt, dessen Vorteile er insgesamt vortrefflich auszubeuten wußte, und das er nur aufgegeben hätte, um sich zum Deputierten wählen zu lassen und die Neutralität durch die Opposition zu ersetzen.
Herr von Villefort machte in der Regel wenig Besuche und gab auch wenige zurück. Seine Frau besuchte für ihn; es war dies einmal in der Welt so angenommen, wo man ernsten und zahlreichen Geschäften des öffentlichen Beamten das zuschrieb, was in Wirklichkeit nur eine Berechnung des Stolzes, eine Quintessenz von Aristokratie, die Anwendung des Axioms endlich war:Gib dir den Anschein, als schätztest du dich, und man wird dich schätzen, ein Axiom, welches in unserer Gesellschaft tausendmal nützlicher ist, als das der Griechen:Lerne dich selbst kennen, denn das letztere ersetzt sich in unseren Tagen durch die minder schwierige und viel vorteilhaftere Kunst, Andere kennen zu lernen.
Für seine Freunde war Herr von Villefort ein mächtiger Beschützer, für seine Feinde ein stummer und dumpfer, aber erbitterter Gegner: für die Gleichgültigen war er die Statue des als ein Mensch erscheinenden Gesetzes: das Wesen seines Empfangs hochmütig, Physiognomie unempfindlich, Blick matt und glanzlos oder unverschämt durchdringend und forschend, so war der Mensch, dessen Piedestal vier geschickt auf einander gehäufte Revolutionen von Anfang aufgebaut und dann fest und dauerhaft gemacht hatten.
Herr von Villefort stand im Rufe des am mindesten neugierigen Mannes von Frankreich; seine Ungezwungenheit wurde von allen Seiten gerühmt; er gab jedes Jahr einen Ball und erschien dabei nur eine Viertelstunde, das heißt fünfundvierzig Minuten weniger, als dies der König bei den seinigen tut; niemals sah man ihn in den Theatern oder in den Concerten, noch an irgend einem andern öffentlichen Orte; zuweilen, jedoch selten, machte er eine Partie Whist, und man war dann besorgt, seiner würdige Spieler für ihn zu wählen: irgend einen Botschafter, einen Erzbischof, einen Fürsten, einen ersten Präsidenten, oder eine verwitwete Herzogin.
So war der Mann beschaffen, dessen Wagen vor der Türe des Grafen von Monte Christo hielt.
Der Kammerdiener meldete Herrn von Villefort in dem Augenblick, wo der Graf, über einen großen Tisch gebeugt, auf einer Landkarte den Weg von S