: Lisa Große, Senta Ebinger, Lara Irene Wintzer, Adrian Golatka, Robin Jaquet, Marika Riep, Silke Brig
: Diagnostisches Fallverstehen bei jungen geflüchteten Menschen Ein zielgruppenspezifisches Diagnostikmodell für die psychosoziale Praxis
: ZKS Verlag
: 9783947502691
: 1
: CHF 8.70
:
: Sozialpädagogik, Soziale Arbeit
: German
: 112
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Viele junge Menschen, die vor Bedrohung, Verfolgung, Gewalt, Krieg und Perspektivlosigkeit fliehen, haben vor und während der Flucht potentiell traumatische Situationen erlebt. In Deutschland angekommen sind sie mit Entwicklungsaufgaben und Herausforderungen des Akkulturationsprozesses konfrontiert. Reichen personelle und informelle Ressourcen nicht aus, die Aufgaben zu bewältigen, wird professionelle Unterstützung notwendig. Für die fundierte Interventionsplanung und Begründung fachlicher (Nicht-)Intervention ist Soziale Diagnostik eine wichtige Basis. Hier knüpft das Ziel des Forschungsprojektes"TraM quot; (1919-2022, gefördert vom BMBF) an. Das Ergebnis ist ein Best-practice-Modell für Fachkräfte der Sozialen Arbeit. Das vorliegende Buch zeigt die theoretische Rahmung auf und stellt die empirischen Ergebnisse der Erstellung und formativen Evaluation des zielgruppenspezifischen Diagnostikmodells auf dem Weg dorthin dar. Anliegen des Buches ist, auf Basis der Ergebnisse und deren Entstehung zur Diskussion und Weiterentwicklung Sozialer Diagnostik in Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit beizutragen.

Lisa Große, geb. Gruber Bachelor Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Dresden, Master Klinische Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin Promotionsstudentin an der Universität Vechta im Bereich Soziale Arbeit zu"Soziale Netzwerke und soziale Unterstützungsprozesse junger und junger erwachsener Geflüchteter" Berufliche Erfahrungen: Bis 2019 Sozialarbeiterin im Sozialpsychiatrischen Dienst (Beratung und Begleitung von Menschen mit psychischen Störungen und deren Angehörige, Krisenintervention, Öffentlichkeitsarbeit) Seit 2019 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alice Salomon Hochschule (ASH) Berlin im Bereich psychosoziale Diagnostik und Intervention Freiberuflich tätig in der Fort- und Weiterbildung von psychosozialen Fachkräften und Dozentin an verschiedenen Hochschulen Mitgliedschaft bei ECCSW

1 Minderjährige geflüchtete Menschen


1.1 Begriffsklärung und rechtliche Einordnung

Unter Migration wird verstanden, wenn Personen „für einen längeren oder unbegrenzten Zeitraum einen früheren Wohnort verlassen haben und in der Gegenwart in einem anderen Land als ihrem Herkunftsland leben" (Hamburger, 2018, S. 19). Unterteilt werden können migrierende Menschen auf Basis der Motivation zur Migration. Im vorliegenden Projekt bestehen die Gründe vor allem in Flucht vor Krieg, Naturkatastrophen, sozioökonomischer Perspektivlosigkeit wie Armut und Arbeitslosigkeit, aber auch vor persönlicher, politischer wie religiöser Verfolgung. „Mit dem Flüchtlingsbegriff [wird] politisch und rechtlich zwischen legitimen und illegitimen Gründen für Migration unterschieden, und dies in einer Weise, die keineswegs unproblematisch ist“ (Scherr& Inan, 2017, S. 131; Erg. v. Verf.). Die Unterscheidung zwischen freiwilligem und erzwungenem Verlassen des Herkunftslandes – zu Letzterem werden geflüchtete Menschen gezählt – wird der Komplexität der Realität zwar oft nicht gerecht, hat jedoch erhebliche Auswirkungen auf die rechtliche Stellung im nationalen und internationalen Kontext. „Migrationsprozesse … sind das Ergebnis einer komplexen Verschränkung von strukturellen Zwängen mit der individuellen und kollektiven Handlungsmächtigkeit (agency)“ (Scherr& Inan, 2017, S. 138).

Laut dem UNHCR (2022a) waren bis Ende 2021 rund 89,3 Millionen Menschen auf der Flucht, 42% davon waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Unter minderjährig begleiteten geflüchteten Menschen werden Menschen unter 18 Jahren verstanden, die mit einer sorgeberechtigten oder verwandten erwachsenen Person einreisen. Bei unbegleitet minderjährigen Geflüchteten sind je nach Kontext verschiedene Begriffe gebräuchlich wie unbegleitet minderjährige „Ausländer:innen“ (UmAs), unbegleitete minderjährige „Flüchtlinge“ (umFs), unbegleitete Minderjährige (uMs), unaccompanied minors oder separated children (González Méndez de Vigo, 2017; Gravelmann, 2017). Im vorliegenden Bericht wird vor allem von jungen geflüchteten Menschen gesprochen. Somit soll einerseits die Ursache der Einreise – nämlich Flucht aus verschiedenen existenzbedrohenden Gründen aus ihrem Herkunftsland – kenntlich gemacht werden, andererseits wird die Fluchtgeschichte so als lediglich eine Facette des Lebens der jungen Menschen deutlich.

Rechte und Vereinbarungen zum Schutz geflüchteter Menschen gibt es sowoh