Ich weiß nicht, ob es sich tatsächlich so abgespielt hat. Ich hatte nicht einmal zu hoffen gewagt, dass es überhaupt passierte, obwohl ich es mir herbeigewünscht und eigentlich fest damit gerechnet hatte. Aber so war es mir erzählt worden, und etwas Erzählen ist ein anderes Ding als die Wirklichkeit. Daher ließ mich anfangs angeborenes Misstrauen an der Verlässlichkeit der Informationsquelle zweifeln. Sie war mir suspekt. Ich wusste ja, denn Johannes hatte es oft behauptet, dass eine Erzählung stets das erzählte Ereignis verfälschte. Ganze Kriminalfilme waren über die Unzuverlässigkeit von Augenzeugen gedreht worden. Jeder erzählte etwas anderes. Weshalb sollte es diesmal nicht so gewesen sein? Jedes Mal fügte der Erzähler, der Berichterstatter, der lamentierende Minister dem Geschehnis erfundene Einzelheiten hinzu, bewusst oder unbewusst, willkürlich oder zwanghaft. Alles, was zum Ereignis zu passen schien, war dem Erzähler recht.
Wagte es aber ein Zuhörer, eine Frage einzuwerfen: »Aber, Herr Minister Soundso … aber Exzellenz Hochwürden … warum hat der Unglückselige denn nicht ...?«, war die Panne passiert. Schon war die Erzählung auf eine Fahrspur geglitten, die in die falsche Richtung führte. Wie auf Rückfragen zu antworten sei, dazu enthielt der Spickzettel keine Empfehlung. Dem Zuhörer, dem Zeitungsleser, dem Empfänger der Nachricht fiel es oft schwer, die Tatsachen von den Schlacken farbiger Ausschmückungen zu befreien.
Obwohl ich mir also immer vorgestellt hatte, dass es sich nur so oder nur ein wenig anders ereignen möge, konnte ich es kaum glauben, als das unfassbare Wunder eintrat: Johannes, mein bester Freund, aber auch der miserabelste Schüler der Klasse, bestand das Abitur, zwar äußerst knapp, sozusagen mit Schwefelgestank an den Fersen, aberimmerhinque, wie der Lateinlehrer motzte. Die Klasse trampelte mit den Füßen Beifall.
Nachdem ich fast die ganze Nacht mit Überlegungen vertröd