: Norbert Heinrich Holl
: Johannes der Ire
: Books on Demand
: 9783757873493
: 1
: CHF 7.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 294
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Jonas war mein bester Freund, obwohl ich ihn nur selten mit diesem Allerweltsnamen anredete, der sich in unserer Schulklasse eingebürgert hatte. Irgendwann hatte ich begonnen, ihn mit Johannes anzusprechen, seinem ins Taufregister und ins Buch des Standesamts eingetragenen Vornamen, und er hatte nicht abgewunken. Dazu war er wohl viel zu intelligent, ja ich möchte sogar behaupten, dass er mir in Bezug auf die menschliche Reife turmhoch überlegen war. Schulfreundschaften halten nicht immer ewig - das muss auch der Erzähler dieses Romans erkennen; und wenn sich eine Frau zwischen zwei Schulfreunde drängt, verschieben sich Prioritäten. Wege trennen sich, aber Erinnerungen bleiben. Doch sie verändern sich: Der, der sich in seiner Jugend unterlegen fühlte, meistert - wenn der Vergleich unwichtig wird - die Unwägbarkeiten des Lebens manchmal besser als jener, der damals überlegen schien. Doch das unsichtbare Band der Freundschaft fragt nicht nach Über- oder Unterlegenheit, nach Schuld und Vergebung. Es ist einfach da, auch wenn es verloren scheint ... Norbert Heinrich Holl beschreibt in"Johannes, der Ire" eine Coming-of-Age-Geschichte über das Hohe Lied der Freundschaft, die auch dann Bestand hat, wenn man glaubt, sie verspielt zu haben.

Norbert Heinrich Holl studierte in Köln und Paris Jura, wechselte aber nach einer kurzen Zeit als Richter in Köln in den Auswärtigen Dienst. Sein Studium der arabischen Sprache am Middle East Center for Arabic Studies im Libanon schaffte die Voraussetzung für zehn Jahre diplomatische Dienste in verschiedenen islamischen Ländern. 1996 wurde er für zwei Jahre zum Leiter einer UN-Sondermission für Afghanistan berufen. Holl verbringt seinen Ruhestand in der Bretagne. Neben der Diplomatie gehörte seine Leidenschaft schon immer dem Lesen und Schreiben. 2002 berichtete er über seine Afghanistan-Erfahrungen (»Mission Afghanistan«). Seit 2008 hat Norbert Heinrich Holl mehr als ein Dutzend Romane und Erzählungen verfasst.

II


Ich weiß nicht, ob es sich tatsächlich so abgespielt hat. Ich hatte nicht einmal zu hoffen gewagt, dass es überhaupt passierte, obwohl ich es mir herbeigewünscht und eigentlich fest damit gerechnet hatte. Aber so war es mir erzählt worden, und etwas Erzählen ist ein anderes Ding als die Wirklichkeit. Daher ließ mich anfangs angeborenes Misstrauen an der Verlässlichkeit der Informationsquelle zweifeln. Sie war mir suspekt. Ich wusste ja, denn Johannes hatte es oft behauptet, dass eine Erzählung stets das erzählte Ereignis verfälschte. Ganze Kriminalfilme waren über die Unzuverlässigkeit von Augenzeugen gedreht worden. Jeder erzählte etwas anderes. Weshalb sollte es diesmal nicht so gewesen sein? Jedes Mal fügte der Erzähler, der Berichterstatter, der lamentierende Minister dem Geschehnis erfundene Einzelheiten hinzu, bewusst oder unbewusst, willkürlich oder zwanghaft. Alles, was zum Ereignis zu passen schien, war dem Erzähler recht.

Wagte es aber ein Zuhörer, eine Frage einzuwerfen: »Aber, Herr Minister Soundso … aber Exzellenz Hochwürden … warum hat der Unglückselige denn nicht ...?«, war die Panne passiert. Schon war die Erzählung auf eine Fahrspur geglitten, die in die falsche Richtung führte. Wie auf Rückfragen zu antworten sei, dazu enthielt der Spickzettel keine Empfehlung. Dem Zuhörer, dem Zeitungsleser, dem Empfänger der Nachricht fiel es oft schwer, die Tatsachen von den Schlacken farbiger Ausschmückungen zu befreien.

Obwohl ich mir also immer vorgestellt hatte, dass es sich nur so oder nur ein wenig anders ereignen möge, konnte ich es kaum glauben, als das unfassbare Wunder eintrat: Johannes, mein bester Freund, aber auch der miserabelste Schüler der Klasse, bestand das Abitur, zwar äußerst knapp, sozusagen mit Schwefelgestank an den Fersen, aberimmerhinque, wie der Lateinlehrer motzte. Die Klasse trampelte mit den Füßen Beifall.

Nachdem ich fast die ganze Nacht mit Überlegungen vertröd