** Kapitel 2: Wie alles begann **
An einem Tag im Dezember 1974 war mein erster Geburtstag. Und an diesem Tag starb meine Mutter. Sie starb, weil sie es selbst so wählte. Sie stürzte sich frühmorgens aus dem Schlafzimmerfenster unseres Wohnhauses in Basel. Draussen war es noch stille Nacht und stockfinster. Mein Vater war, während das geschah, im Bad nebenan, um sich für den Tag fertig zu machen.
Er musste zur Arbeit und würde erst später mit seiner Frau und der gesamten Familie den Geburtstag der Tochter, mir, feiern. Ich schlief währenddessen noch tief und fest in meinem Bettchen, welches im Elternschlafzimmer neben dem Ehebett stand. Ich kann kaum Details nennen, weil ich nur erzählen kann, was mir meine Familie Jahre später darüber erzählt hatte. Und das ist nicht viel.
Von Fotos entnehme ich, dass meine Mutter eine grosse, sportliche Frau mit schwarzem, langem Haar und braunen Augen war. Sie legte viel Wert auf Ästhetik, war immer perfekt frisiert und gekleidet. Mit ihrem Style war sie ihrer Zeit definitiv voraus. Aus Erzählungen kann ich berichten, dass sie eine sehr sanftmütige und bedachte Frau war. Sie lachte gerne und viel. Ihr Lachen war bezeichnend.
Ich weiss, dass meine Mutter nach meiner Geburt an einer postpartalen Depression litt und in der Folge mit einer Psychose zu kämpfen hatte. Eine postpartale Depression entsteht innert einer Zeitspanne von etwa vier Wochen nach der Entbindung. Die starken hormonellen Veränderungen, welche eine Entbindung mit sich bringt, lösen bei einem kleinen Teil der Frauen so etwas aus. Die abgeschwächte Form davon ist der Babyblues, welcher die ersten Tage nach der Entbindung das Glück der frischgebackenen Mütter trübt und sehr viel häufiger ist als die postpartale Depression. Letzteres ist eine sehr ernst zu nehmende Erkrankung, welche eine umgehende, engmaschige und professionelle Behandlung erfordert. In den 1970er-Jahren erkannte man dies jedoch noch nicht so an, wie allgemein psychische Erkrankungen nicht. Die Frau galt einfach als verrückt und es wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt und urteilend mit dem Finger auf die Erkrankte gezeigt.
Meine Mutter wurde stationär in eine Klinik eingewiesen und durfte hin und wieder stundenweise nach Hause. Sie hat an diesem Dezembermorgen, wo sie sich dazu entschlossen hatte, ihrem Leid und ihrem Leben ein Ende zu setzen, keinen Abschiedsbrief hinterla