1
Kiss Me
(Dermot Kennedy)
Jetzt – Sommer
Sam Lindner stand vor derMusikschule Wolfstetter und starrte auf das schwache Licht, das aus einem der hinteren Räume in die Dunkelheit strahlte. Marie war also noch wach. Tja, wenn es ihr ging wie ihm, würde sie mit Sicherheit den Rest der Nacht kein Auge zumachen.
Schließlich hatten sie sich geküsst. Vor fünfzehn Jahren. Und vor fünf Stunden. Der Unterschied zwischen dem ersten Kuss, als sie noch Teenager gewesen waren, und dem heute Abend war, dass sie sich damals – zumindest kurz – gemocht hatten und sich inzwischen schon lange nicht mehr ausstehen konnten. Und dass dieser Kuss heute trotz allem tausendmal heißer gewesen war, als es der unschuldige Moment während einesAvenger-Filmabspanns je hätte sein können.
Dabei hatte der Tag so harmlos begonnen. Lina Kirchleitner hatte ihn um Unterstützung gebeten. Und wenn jemand seine Hilfe brauchte, konnte Sam einfach nicht Nein sagen. Schon gar nicht, wenn es sich um eine Freundin handelte. Also hatte er ihr bei ihrem GenerationenprojektMäuse und Dachse unter die Arme gegriffen, genau wie sein Cousin Ben und dessen Freundin Felicia. Und wie Jule und Chris. Sogar dieser Waldschrat, wie Lina ihren aktuellen Lover Eric Fuchs immer nannte, war aufgetaucht und hatte bei der Gelegenheit gleich einen der Senioren und ein kleines Mädchen eingefangen, die ausgebüxt waren. Die Bewohner der alten Schule am Starnberger See hielten zusammen. Und er gehörte zu dieser Clique, auch wenn er nicht in dieserWG wohnte. Er hing schließlich oft genug im Garten des alten Gebäudes herum, stibitzte etwas aus dem Kühlschrank in Felicias KochschuleKüchennachhilfe oder klaute seinem Cousin ein Feierabendbier, das er dann gemütlich auf dem Steg am See trank.
Natürlich war Marie Wolfstetter aus diesem Nachmittag nicht wegzudenken gewesen. Okay, Sam hatte sich nicht wirklich den Kopf über ihre Anwesenheit bei Linas Projekt zerbrochen. Aber vielleicht hätte er das tun sollen. Schließlich war es bei diesemMäuse-und-Dachse-Treffen um Musik gegangen. Und Marie Wolfstetter hielt sich in Starnberg für die inoffizielle Expertin in Sachen Melodie und Rhythmus – und einige andere schienen das auch zu tun. Seine Freunde inbegriffen. Sie hatte die Instrumente für Linas Projekt zur Verfügung gestellt und bei der Liederauswahl geholfen.
Da Sam seiner Freundin ebenfalls geholfen hatte, waren Marie und er bereits bei Linas Veranstaltung aneinandergeraten. Auf dem Steg hinter der alten Schule, der zu dem kleinen, etwas baufälligen Bootshaus führte. Weil er irgendwelche Triangel oder Klanghölzer angeblich so blöd hingelegt hatte, dass irgendwas unter eines der Bücherregale in der Bibliothek gerollt war und nur mit größter Mühe wieder hervorgeholt werden konnte.
»War ja klar, dass das meine Schuld war«, murmelte Sam und starrte noch immer auf die Fassade der Musikschule, vor der er schon seit zehn Minuten stand. Dummerweise hatte er diesen Satz auch zu Marie gesagt, als sie ihn deshalb angefaucht hatte. Nachdem er das Ganze mit einem »Dann kauf halt einen neuen von diesen verdammten Klöppeln, oder wie die Dinger heißen« ergänzt hatte, war Marie explodiert und hatte eine ihrer üblichen Schimpftiraden abgelassen. Eigentlich alles wie immer, wenn sie es nicht schafften, sich aus dem Weg zu gehen.
Wie schön wäre es gewesen, ihr wenigstens nach dieser Diskussion die kalte Schulter zeigen zu können, und statt Maries nächstem verbalen