: Rainer Gross
: Schafsgezwitscher Roman
: Books on Demand
: 9783757840938
: 1
: CHF 9.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Anschi weiß, was sie im Leben will: Sie will Wanderschäferin sein und bleiben. Im Sommer mit ihren sechshundert Wollknäueln über die Schwäbische Alb ziehen und in der Einsamkeit ihre Liebe zur Natur und den Schafen leben. Doch sie hat auch eine andere Seite. Der Wunsch nach Vergnügen, unter Menschen sein und nach Kultur und Kunst widerstreitet dabei ihrem Lebensziel. Bisher bekommt sie beides unter einen Hut, aber der brave Tom, der auf der Alb Voltaikanlagen vertreibt, macht ihr Avancen, und dann lernt sie auf Twitter Wolf-Erik kennen, einen Mann, der sie kolossal fasziniert. Er zitiert Vergil und trägt ein Geheimnis mit sich herum. Eines Tages trifft sie sich mit ihm im wirklichen Leben, ohne die wahren Hintergründe seines Interesses zu erahnen.

Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er erhielt 2008 den Friedrich-Glauser-Debütpreis. Bisher sind über sechzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Fürchte dich nicht (2022); Ein Teilchen im Ozean (2022); Geweihte Steine (2022); Feste Häuser (2022); Die erste Nacht des Krieges (2022); Das Jahr des Fuchses (2022); Der Sommer der verlorenen Träume (2022); Das Adventsgeheimnis (2022); Zeit der Äpfel (2022); Novemberland (2023).

1. Kapitel:


Schafsgezwitscher

Meine Seele fühlt sich heute an wie ein aufgeweichter Pappkarton, dachte Anschi, als sie mit dem Smartphone in der Hand in den Schafstall ging. Drinnen roch es nach Dung und Heu, das vielstimmige Stakkato des Gebähs und Geblöks stimmte sie ein auf die Herde. Hier standen nur die Zuchtböcke, die verletzten oder kranken Schafe, ein paar Lämmer, die sie im Herbst nicht geschlachtet hatten, und die Widerspenstigen, die die Moral der ganzen Herde untergraben würden. Die Herde der sechshundert anderen war von der Winterweide zurück und draußen in der Koppel.

Sie kontrollierte die Schütten, füllte Heu, Silage oder Grünmehlpellets nach und schaute auch nach den Wasserbehältern. Es ging ihnen allen gut, sie bähten zufrieden, die Lämmer waren mächtig gewachsen über den Winter im Stall.

Das sollte ich twittern, dachte sie und rief in der Liste ihre bisher geposteten Tweets ab. Im Juni vor drei Jahren hatte alles angefangen. Mit jener Nachricht, die sie noch einmal las, mit einem Schmunzeln über ihren naiven Anfangston.

#schafsgezwitscher hi, ich bin anschi aus ehestetten, wanderschäferin auf der schwäbischen alb. ich führe meine 600 wol