1. Kapitel:
Schafsgezwitscher
Meine Seele fühlt sich heute an wie ein aufgeweichter Pappkarton, dachte Anschi, als sie mit dem Smartphone in der Hand in den Schafstall ging. Drinnen roch es nach Dung und Heu, das vielstimmige Stakkato des Gebähs und Geblöks stimmte sie ein auf die Herde. Hier standen nur die Zuchtböcke, die verletzten oder kranken Schafe, ein paar Lämmer, die sie im Herbst nicht geschlachtet hatten, und die Widerspenstigen, die die Moral der ganzen Herde untergraben würden. Die Herde der sechshundert anderen war von der Winterweide zurück und draußen in der Koppel.
Sie kontrollierte die Schütten, füllte Heu, Silage oder Grünmehlpellets nach und schaute auch nach den Wasserbehältern. Es ging ihnen allen gut, sie bähten zufrieden, die Lämmer waren mächtig gewachsen über den Winter im Stall.
Das sollte ich twittern, dachte sie und rief in der Liste ihre bisher geposteten Tweets ab. Im Juni vor drei Jahren hatte alles angefangen. Mit jener Nachricht, die sie noch einmal las, mit einem Schmunzeln über ihren naiven Anfangston.
#schafsgezwitscher hi, ich bin anschi aus ehestetten, wanderschäferin auf der schwäbischen alb. ich führe meine 600 wol