2. KAPITEL
Nach langer, mühseliger Reise langte Kmicic mit den drei Kiemlicz' in Glogau an. Es war schon dunkle Nacht, als sie in die Stadt hineinritten, die von Truppen, Pans, königlichen Dienern und Magnaten ganz überfüllt war. Die Gasthäuser waren alle so besetzt, daß es dem alten Kiemlicz nur mit großer Mühe gelang, für Kmicic außerhalb der Stadt bei einem Seiler Quartier zu bekommen. Den ganzen folgenden Tag lang lag Kmicic in hohem Fieber, er fürchtete schon, einer schweren Krankheit entgegenzugehen. Seine eiserne Natur jedoch gewann die Oberhand. Am nächsten Morgen bereits fühlte er sich besser; er kleidete sich an und begab sich in die Kathedrale. Noch durchdrang das schwache Tageslicht kaum die Dunkelheit der nebeligen und schneeigen Nacht. Alle in der Stadt lagen in tiefem Schlafe. In der Kirche, in der man die Messe las, waren nur sehr wenige. Dicht am Fuße des Altars sah Pan Andreas eine Gestalt, die mit dem Gesichte nach unten, ausgestreckt auf einem Teppiche lag. Hinter dieser Gestalt knieten zwei hübsche Jünglinge. Der Mann lag unbeweglich, und nur an den konvulsiven Bewegungen der Schultern sah man, daß er betete und weinte.
Kmicic vertiefte sich auch in sein Gebet; doch unwillkürlich richteten sich seine Augen wieder auf den Unbekannten.
Ohne Zweifel war dieser Mann eine hohe Persönlichkeit. Er trug ein schwarzes, mit Zobelpelz gefüttertes Gewand und einen großen, weißen Spitzenkragen, durch den man eine goldene Kette leuchten sah. Neben ihm lag ein schwarzer Hut mit Federn, und ein Page hielt seine Handschuhe und einen blau emaillierten Degen. Das Gesicht des Unbekannten war durch den Teppich und eine lange Lockenperücke verdeckt.
Die Betenden und auch der Geistliche blickten mit tiefem Mitgefühl und größter Achtung auf den Mann.
Kmicic stieß seinen Nachbar leise an und fragte:
»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe. Wer ist das?« Er richtete seine Augen fragend auf den Unbekannten.
»Sie kommen wohl von weit her? ˗ Das ist der König.«
»Nicht möglich!« sprudelte Kmicic heraus.
In diesem Augenblicke begann der Pater das Evangelium zu lesen, und der König erhob sich.
Pan Andreas sah ein gelbes, wie Wachs durchsichtiges, mageres Gesicht. Die Augen des Königs waren feucht, die Lider leicht geschwollen. Das Geschick des ganzen Landes hatte sein Siegel auf diesem edlen Antlitz abgedrückt. Unendlicher Kummer und tiefes Leid, schlaflose, im Gebet verbrachte Nächte, die Bitterkeit eines von allen verlassenen Verbannten, das gekränkte Gefühl der gedemütigte Enkel und Urenkel mächtiger Könige zu sein, der Undank des Landes, für das er bereit war, sein Leben und Blut zu opfern ˗ das alles hatte in seinen Zügen tiefe Spuren hinterlassen. Aber die Augen dieses Mannes blickten so sanft, alles vergebend, daß selbst der schlimmste Verbrecher seiner Gnade gewiß sein konnte.
Der Anblick des Königs tat Kmicic bitter weh, er fühlte, daß seine Augen sich mit Tränen füllten. Die Bereitwilligkeit, dieser leidenden Majestät sein Blut, sein Leben und all seine Kräfte zu weihen, wuchs zu einem heftigen Verlangen. In diesem Augenblicke erstarb in ihm der selbstherrliche, ungestüme Schlachtschitz, und der Royalist, der mit ganzer Seele seinem Könige ergeben ist, erwachte.
Die Messe war zu Ende, aber weder der König noch Kmicic rührten sich von der Stelle.
»Erlauben Sie mir eine Frage, wer sind Sie?« fragte der Nachbar Pan Andreas.
Kmicic fuhr zusammen wie jemand, der aus tiefem Schlafe geweckt wird.
»Ich? ˗ Ich bin Babinicz aus Litauen.«
»Und mein Name ist Lugowski, ein Höfling des Königs. ˗ Sie kommen also aus Litauen?«
»Nein, aus Czenstochau!«
Pan Lugowski war einen Augenblick starr vor Staunen.
»O, wenn es so ist, so kommen Sie mit mir. Seine Majestät grämt sich sehr über das Schicksal Czenstochaus, da er ohne jede bestimmte Nachricht von dort ist. ˗ Ja, ja. ˗ Si