1. Kapitel
Kaum hatten die Pferde etwas ausgeruht, da flohen sie so eilig, daß sie sich schon in der Gegend von Studenka, jenseits der Waladynka, befanden, als der Mond über die Steppe heraufstieg. Voraus ritt Wolodyjowski, aufmerksam nach allen Seiten ausblickend – hinter ihm Sagloba neben Helene, und den Zug beschloß Rzendzian, welcher die Saumpferde und zwei Handpferde führte, die er aus dem Stalle der Horpyna mitzunehmen nicht versäumt hatte. Sagloba blieb der Mund nicht stille stehen, er hatte aber auch der Prinzessin, welche in der wilden Schlucht von der Welt nichts gehört hatte, gar viel zu erzählen. Er sagte ihr also, wie die Freunde sie von Anfang an gesucht hatten, wie Skrzetuski bis nach Perejeslaw vorgedrungen war, um den Bohun zu suchen, von dessen Niederlage er nichts gewußt hatte, wie endlich Rzendzian das Geheimnis ihres Versteckes dem Attaman entlockt und dasselbe nach Sbarasch gebracht hatte.
»Barmherziger Gott!« sagte Helene, ihr schönes, bleiches Gesicht dem Monde zukehrend, »so ist Herr Skrzetuski meinetwegen bis hinter den Dniepr ausgezogen?«
»Bis Perejeslaw, ich wiederhole es. Und sicherlich wäre er mit uns hierher gekommen, wenn wir nur Zeit gehabt hätten, nach ihm zu schicken, denn wir wollten Euch doch gleich zu Hilfe eilen. Er weiß noch gar nichts von Eurer Rettung und betet für Euer Seelenheil – aber bedauert ihn darum nicht. Mag er sich noch eine Zeitlang härmen, da ein solcher Lohn seiner wartet.«
»Und ich glaubte mich von allen vergessen und bat Gott um den Tod.«
»Wir hatten Euch nicht nur nicht vergessen, sondern die ganze Zeit hindurch darüber nachgedacht, wie wir Euch helfen könnten. Wunderbar! Es war wohl natürlich, daß ich und Skrzetuski uns die Köpfe darüber zerbrachen, aber auch dieser Ritter, welcher da vor uns reitet, scheute mit gleicher Opferwilligkeit weder Sorge noch Mühe.«
»Möge es ihm Gott lohnen.«
Sie eilten ohne Säumen vorwärts nach Nordwesten zu, was die Pferde ausholen konnten. Auf der Höhe von Mohylow kamen sie in bewohntes Land, so daß es ihnen nicht mehr schwer wurde, einen Hof oder eine Ansiedelung zu finden, wo sie Unterkunft für die Nacht bekamen, aber mit dem Morgenrot waren sie immer schon zu Pferde und unterwegs. Glücklicherweise war der Sommer trocken, die Tage heiß, die Nächte tauig, und morgens glänzte die Steppe silbern wie mit Reif bezogen. Die Wasser waren vom Winde ausgetrocknet, die Flüsse flach, man konnte sie ohne Schwierigkeiten überschreiten. Nachdem sie eine Zeitlang stromaufwärts längs der Losowa gewandert waren, hielten sie zu längerer Erholung in Scharogrod an, wo eine Abteilung Kosaken lag, die unter das Kommando Burlajs gehörte. Dort trafen sie Abgesandte Burlajs, unter ihnen den Hauptmann Kuna, den sie in Jampol bei dem Gastmahl Burlajs gesehen hatten. Dieser verwunderte sich etwas, daß sie nicht über Brazlaw, Rajgrod und Skwir nach Kijew gingen, aber es kam ihm kein mißtrauischer Gedanke, besonders, da Sagloba ihm erklärte, daß sie aus Besorgnis vor den Tataren jenen Weg nicht genommen hätten, da sie gehört, daß dieselben von dem Dniepr her im Anzuge waren. Kuna erzählte ihnen dagegen, daß er von Burlaj zur Schwadron geschickt sei, um den Ausmarsch anzumelden, und daß er selbst mit den gesamten Jampoler Truppen und den Budschiak-Tataren ebenfalls nach Scharogrod kommen und von hier aus weiter vorgehen würde.
Es kamen auch Eilboten von Chmielnizki zu Burlaj mit der Nachricht, daß der Krieg erklärt sei, und mit dem Befehl, alle Schwadronen nach Wolhynien zu führen. Burlaj selbst hatte längst die Absicht, nach Bar zu gehen, und wartete nur auf den Zuzug der Tataren, denn bei Bar fing es an den Rebellen schlecht zu gehen. Der Generalregimentarier, Herr Landskron, hatte dort bedeutende Haufen der Aufständischen geschlagen, die Stadt erobert und das Schloß besetzt. Einige Tausend Kosaken waren gefallen, und eben diese wollte der alte Burlaj rächen, zum wenigsten das Schloß zurückerobe