2016
irgendwo in Südfrankreich,
zwischen Alpen und Mittelmeer
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Als Cathy spät am Abend die Gangway der British Airlines auf dem Rollfeld des Flughafens Marseille hinabstieg, kochte sie nicht nur vor Wut. Ihr schickes Designerkostüm, auf das sie bei Dienstreisen nie verzichtete, egal, ob sie im Winter nach New York oder im August ans Mittelmeer musste, klebte an ihr wie eine zweite Haut. Dass man bei 40°C in der Mitte des Rollfeldes in Busse transferiert wurde, statt über klimatisierte Gangways vom Flieger sauber in einen modernen Airport, passierte ihr sonst nur in Afrika. Und selbst da immer seltener.
Alle ihre Vorurteile gegen Frankreich, vor allem Südfrankreich und die dazugehörigen Franzosen, waren im Handumdrehen bestätigt: Zu laut, zu heiß, zu schmutzig, schlecht organisiert und vor allem unfreundlich.
Als plötzlich zu allem Überfluss dann auch noch ein übergewichtiger, nach Knoblauch riechender Mittfünfziger in schmuddeligen Bermudas ihr seinen Sitzplatz anbieten wollte, schüttelte sie angewidert ihre blonde Lockenpracht so heftig, dass Ihre Chanel-Sonnenbrille in hohem Bogen in den Mittelgang flog. Schneller, als sie sich in dem viel zu engen Rock hätte bücken können, stürzte die übermotivierte englische Schülergruppe, die im Flugzeug schon für Aufregung gesorgt hatte, durch alle drei Türöffnungen in den Vorfeldbus. Ohne sich auch nur im Geringsten an ihrem „Fuck you“ zu stören, oder an dem knirschenden Geräusch zerberstender Luxusgläser, stürmte die Bande an ihr vorbei, und um ein Haar wäre sie in dem Getümmel doch noch auf dem Schoss des sie immer noch angrinsenden Knoblauchfans gelandet.
„Was tu ich mir nur an? Dieses scheiss Land! Diese scheiss Hitze! Alles nur wegen…“.
Aber selbst die brilliante Rechtsanwältin Cathy Bingham hätte genau das in diesem Moment nicht sagen können: weswegen sie eigentlich all diese Strapazen auf sich genommen hatte. Wegen dem Geld? Wegen diesen neuen Geschäftsfreunden? Wegen ihrem Bruder? Vielleicht sogar aus Angst?
Nein, nicht aus Angst. Sie hatte sich geschworen, nie wieder Angst zu haben. Nicht nach dem, was sie schon alles erleben musste. Aber hier und jetzt war kein guter Moment zurückzublic