: Karin Engel
: Goldauge Ein Märchen für Menschen und Tiere
: Kadera-Verlag
: 9783948218447
: 1
: CHF 6.10
:
: Erzählende Literatur
: German
Holly ist 32, freiberufliche PR-Managerin und zieht nach dem Aus einer zweijährigen Beziehung an den östlichen Stadtrand von Hamburg. Die Nähe zur Natur gibt ihr Halt und Kraft; es erinnert sie an die glücklichen Tage ihrer Kindheit auf einem Hof in Nordfriesland. Auf dem heimatlichen Hof zeichnet sich ein Konflikt ab. Hollys Bruder Rolf und dessen Frau Pia beschließen, auf Massentierhaltung umzustellen, um endlich rentabel wirtschaften zu können. Hollys und Rolfs Mutter, ein Blumenkind der 1968er, ist gegen die Pläne, kann sich der Argumentation aber nicht verschließen. Die Tiere - Kühe, Hühner, Katzen - spüren, was sich zusammenbraut. Der Jüngste unter ihnen, ein sechs Wochen alter schwarzer Kater, beschließt, die Sache in die Pfote zu nehmen. Sein Plan: Holly dazu zu bewegen, den Hof zu übernehmen. Als Findelkater schmeichelt er sich in Hollys Leben, gibt alles, um ihr beizubringen, wie Menschen und Tiere sich verständigen können und findet in dem Tierarzt Dr. Andreesen einen kongenialen Partner. Während sich zwischen Holly und Oliver ganz sanft eine Liebesgeschichte entwickelt, spitzen sich die Dinge auf dem Hof zu: Das Kalb Baby Jane ist verschwunden. Ein Roadmovie der besonderen Art beginnt. Mithilfe eines Raben, eines Jack Russels und der dubiosen Turmgesellschaft um Hollys Assistentin Rita gelingt es dem Kater das Kalb - und 200 weitere - zu finden und zu befreien. weniger anzeigen

Mountain Village, 14. Juli

Eine Renovierung des Hauses ist nicht wirklich nötig, aber ich will unbedingt meinen Duft, meine Energie hineinbringen. Also streiche und lackiere ich zehn Tage lang. Stehe um sieben auf, springe in den Blaumann, lege los bis mittags, ziemlich high von den leckeren Lösemitteln hole ich mir im »Karma«, dem einzigen veganen Imbiss downtown, ein Mittagessen und einen Salat für abends, höre Taylor Swift und Robbie Williams und lasse sämtliche Doku-Soaps laufen, bei denen ich insgeheim gern mal mitmachen würde: Shopping Queen, Mieten, kaufen, wohnen, Alles, was zählt.

Im »Karma« ventilierten zwei abgemagerte Heidi-Klum-Kopien gestern die Theorie, derzufolge diese Fernseh-Formate mit Frequenzen versehen seien, die das Gehirn weich machen.

Da spricht wohl jemand aus Erfahrung, dachte ich gehässig.

Zur Vorsicht surfe ich jedoch heute Abend durchs Netz und lande auf ziemlich abgespaceten Websites, auf denen von energetischen Emulgatoren die Rede ist, die angeblich beim Fernsehen unsere Synapsen schwächen. Super, wir gucken Das perfekte Dinner und nebenbei wird unser Gehirn weichgekocht. In den Chatforen wird darüber geschimpft und lamentiert.

Ich meine, man kann den Fernseher ja auch einfach ausschalten.

Während wilde Verschwörungstheorien an mir vorüber twittern und facebooken, muss ich an Timo denken. Der hätte bestimmt eine gescheite Erklärung parat.

Wieso hätte? Sofern er nicht zu viel fernsieht, sollte er noch unter den Lebenden weilen. Ich probiere seine alte Handynummer.

Nach vier Mal Klingeln nimmt er ab. »Ja, bitte?«

»Hey«, sage ich verblüfft. »Du hast echt noch die alte Nummer!«

Pause. Dann: »Du weißt aber schon, dasshey die Bezeichnung für einen mittelalterlichen Tanzschritt ist, der die Form einer Lemniskate beschreibt, oder?«

»Na danke, Einstein.«

»Wühle nicht in dieser Wunde, Weib«, gibt er ernsthaft zurück.

Ich muss lachen. Und ich freu’ mich. Zwei Sätze und er ist wieder da, mein bester Freund aus den relaxten Jahren des Studentenlebens, supernett, superschlau, Hoffnungsträger der Bekleidungsdynastie Claussen, aber eigentlich Einsteins Erbe. Brillanter Mathematiker, beseelt von der Idee, die Welt neu zu vermessen, und untröstlich, als ein Russe den Beweis für die Poincaré-Vermutung erbrachte, an der sich die klügsten Köpfe der letzten 100 Jahre eben jene zerbrochen hatten. An dem Abend, es war kurz vor Ende meines Studiums, rief er ziemlich deprimiert an und versuchte mir zu erklären, weshalb seine Berechnungen sehr viel eleganter seien als die des Russen, und wenn er nur einen Tag länger Zeit gehabt hätte … laber rhabarber. Es war ein langes, ermüdendes Telefonat, für ihn, weil ich seinen mathematischen Spitzfindigkeiten nicht folgen konnte, für mich, weil es mir nicht gelang, ihn aus dem Jammertal herauszulocken. Danach verloren wir uns aus den Augen. Und jetzt, so scheint’s, steigen wir einfach wieder zusammen in einen Zug ein. Das ist toll, das ist wahre Freundschaft.

»Und was genau möchtest du?«

Das ist nicht der dritte Satz, der zu den beiden ersten passt. Plötzlich klingt Timo reserviert und spröde.

»Och, ich dachte, ich ruf mal an«, sage ich leichthin.

»Hm,