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Es war Sonntag, und mir war langweilig. Mir ist immer langweilig, wenn ich allein zu Hause bin. Aber meine Leute waren wieder in einen Tierpark gefahren, und ehrlich, jedes Wochenende in einen Tierpark, das ist einfach zu viel. Weil ich nicht so recht wusste, was ich anfangen sollte, beschloss ich, Jo anzurufen und zu fragen, ob sie Lust hatte, mit mir Mittag zu essen.
Jo ist meine beste Freundin. Wir beide kennen uns schon ewig. Wir wohnen in derselben Straße, sind zusammen in den Kindergarten gegangen, und jetzt sitzen wir nebeneinander in der 2b-Klasse im Schottenringgymnasium in Wien. Ein Mädchen aus unserer Klasse hat einmal zu uns gesagt: „Ihr zwei seid eigentlich schon ziemlich lange beisammen“, und Jo hat geantwortet: „Ja, aber heiraten werden wir trotzdem nicht.“
Jos Name ist eigentlich Johanna – Johanna Maria Horvath – aber seit sie vorigen Sommer in den USA war und ihre Verwandten in Baton Rouge besucht hat, macht sie gerne auf Amerikanisch.
Jo ist sehr intelligent. Sie ist bestimmt das intelligenteste Mädchen in unserer Klasse. Sie hat sogar eine Eins in Mathematik. Wenn jemand Jo fragt, was sie später einmal werden will, sagt sie immer: „Chefingenieur im NASA- Kontrollzentrum in Houston.“
Die meisten Leute lachen dann ziemlich blöd, entweder, weil sie ihr nicht glauben, oder weil sie nicht wissen, was das ist. Ich weiß es auch nicht genau, aber wenn Jo es sagt, dann bin ich sicher, dass sie es eines Tages schaffen wird, Chefingenieur im NASA-Kontrollzentrum in Houston zu werden. Sie erreicht immer, was sie sich vornimmt.
Außerdem versteht sie sehr viel von diesen Dingen. Sie hat zu Weihnachten von ihrer Großmutter ein Buch über unser Planetensystem bekommen und darüber in Englisch ein Referat gehalten. Die ganze Klasse hat applaudiert, und unsere Englischprofessorin meinte, das wäre das beste Referat gewesen, das sie jemals gehört hätte. Ich bin sicher, das stimmt, obwohl ich unsere Englischprofessorin nicht unbedingt für maßgebend halte. Sie heißt Erika Krummbiegel, und mit so einem Namen möchte ich nicht einmal begraben werden.
Was ich einmal werden will, weiß ich noch nicht so genau. Vielleicht Tierärztin oder Höhlenforscherin oder irgend so etwas. Ich wünschte, ich könnte mir auch so sicher sein wie Jo. Jo hat schon in der Volksschule gewusst, dass sie einmal Chefingenieur im NASA-Kontrollzentrum in Houston werden will.
Ich überlegte, ob ich per Snapchat schreiben sollte, aber Jo hat die Angewohnheit, immer erst nach Stunden zurückzuschreiben, also rief ich sie lieber an.
„Ja?“
„Hallo, ich bin’s“, sagte ich. „Wie geht’s dir?“
„Geht so. Ich bin gerade erst aufgestanden, und das auch nur, weil mich meine Mutter geweckt hat. Ich habe geschlafen wie eine Tote. Das muss irgendetwas mit meinem Bio-Rhythmus zu tun haben. Vielleicht sollte ich es einmal mit kalten Duschen vor dem Schlafengehen versuchen.“
„Was machst du heute so?“, fragte ich.
„Nichts Besonderes. Warum? Bist du wieder allein? Soll ich rüberkommen?“
„Was hältst du davon, wenn wir zusammen essen?“
„Jede Menge. Könnte zur Idee des Tages erhoben werden. Soll ich irgendwas mitbringen? Was gibt’s zu essen?“
„Ich habe eine Pizza im Tiefkühlfach, die wollte ich mir machen …“
„Was für eine Pizza ist es?“, fragte Jo. „Mit Kapern? Du weißt, dass ich Kapern nicht vertrage. Davon bekomme ich immer diesen Ausschlag und dann …“
„Ich glaube nicht, dass Kapern drauf sind“, sagte ich. Jo ist manchmal ein bisschen hysterisch. „Aber wenn, dann können wir sie ja runtergeben.“
„Habt ihr Tomaten? Nicht so wichtig. Ich bringe welche mit. Wenn du ein paar Eier kochst, mache ich uns einen Tomaten-Eier-Salat. Ich bin gleich drüben.“
2
Zehn Minuten später stand Jo vor unserem Haus.
Als ich sie an der Türe rumoren hörte, ging ich hin, um aufzumachen. Sie kniete auf dem Fußabstreifer und hielt eine verbogene Haarnadel in der Hand.
„Nein, nein, nein!“, schrie sie. „Nicht aufmachen! Nicht aufmachen! Ich hätte es beinahe gehabt!“ Sie betrachtete die Ha