Die verlassene Stadt
Die Eiswüste unter ihnen wurde immer kleiner. Die Berge verschwanden nach und nach, und zu dem Weiß des Schnees gesellte sich schon bald ein tristes Grau. Es dauerte ein paar Stunden, bis Schnee und Eis komplett verschwunden waren, und Oskar beobachtete aufmerksam das, was nun in der Ferne auf sie zukam.
»Was ist los?«, fragte Cassie und beugte sich über ihn, um einen Blick aus dem Fenster werfen zu können.
Sie gähnte, rieb sich die Augen und lächelte.
»Wir sind raus aus dem Eis«, sagte Tim.
»Das sehe ich auch. Aber was ist das da vorne?«
Aus der Landmasse vor ihnen hatte sich mittlerweile eine Stadt erhoben. Am Horizont waren einige Hochhäuser zu erkennen, Wolkenkratzer, deren Türme hoch in den Himmel ragten.
»Da ist eine Stadt!«
Tim klang erleichtert.
»Schaut ganz nach Zivilisation aus. Versuch mal, irgendwo dort zu landen.«
»Ja. Ich glaube auch, dass das die richtige Entscheidung ist.«
Es dauerte noch einige Zeit, bis sie die Stadt erreicht hatten. Tim hielt nach einem Landeplatz Ausschau, während Oskar sich umdrehte und die hintere Reihe ansah, in der Louis, Annie, Willow und Ian saßen.
»Was meint ihr?«, fragte er die Gruppe.
»Klingt gut«, schrie Louis gegen den Lärm des Helikopters an.
»Ich habe Wahnsinnshunger.«
»Dafür benötigen wir Geld«, warf Willow in den Raum.
»Mach dir darüber keinen Kopf.«
Louis griff in seine Jackentasche und förderte ein Bündel Scheine zutage.
»Wo hast du die her?«, fragte Oskar verblüfft.
»Das ist egal. Ich habe sie halt einfach.«
Er grinste.
»Ich versuche mal, da drüben zu landen.«
Oskar drehte sich wieder nach vorne und sah, dass Tim auf das Dach eines vor ihnen stehenden Hochhauses zeigte.
»Gute Idee. Ich kann schon langsam nicht mehr sitzen.«
Der Landevorgang klappte reibungslos, ein paar Minuten später öffnete Oskar bereits die Tür und stieg aus dem Helikopter aus. Er zog sofort seine Jacke aus, es war viel wärmer als zuvor. Die Sonnenstrahlen fühlten sich wunderbar auf seiner nackten Haut an und wärmten ihn direkt auf.
»Das ist herrlich«, sagte Ian.
»Ja. Unfassbar.«
Während die anderen in der Nähe des Helikopters blieben, entfernte sich Tim etwas und suchte nach einer Tür, die sie in das Gebäude führte.
»Kommt mal her! Ich glaube, dass wir hier reinkommen.«
Oskar, Cassie, Louis, Ian, Willow, Nora und Annie legten ihre Jacken auf der Sitzfläche im Inneren ab und gingen in Tims Richtung. Er stand vor einer grauen Tür.
»Sie ist offen. Was denkt ihr?«
»Lasst uns rein. Wir müssen gucken, ob wir andere Menschen finden. Nur dann haben wir eine Chance, zurück dorthin zu kommen, wo wir herkommen.«
Tim öffnete die Tür. Vor ihnen tat sich ein Treppenhaus auf, welches in einen tieferen Teil des Gebäudes führte. Oskar folgte ihm die Stufen hinunter. Eine Glastür führte sie nach draußen, Tim beugte sich vor, drehte sich nach links und nach rechts, um zu prüfen, ob sich irgendwo jemand befand.
»Keine Spur von Leben.«
Cassie runzelte die Stirn.
»Aber wie kann das sein? Das ist doch eigentlich nicht möglich.«
Oskar schluckte. Dass sich dort niemand befand, ließ ihn nachdenklich werden.Ist das vielleicht eine Falle? Er wollte dem Gedanken nicht nachhängen, merkte aber, wie es zwangsläufig in diese Richtung ging.Nein, das kann nicht sein. Das darf einfach nicht sein. Er schüttelte den Kopf und versuchte, die positiven Dinge zu sehen.Wir sind endlich weg aus dieser Hölle. Ich muss mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Auf die Gegenwart. Wir alle haben die Eiswüste überlebt.
»Abwarten«, sagte Louis.
»Ich denke, uns wird bald jemand über den Weg laufen.«
Sie gingen die Straße entlang und hielten stets Ausschau nach anderen Personen. Zwei Häuser weiter entdeckten sie eine Bäckerei.
»Lasst uns was essen«, rief Ian.
Sie betraten das leerstehende Gebäude. Tim ging zur Kasse, umrundete den Tresen und suchte im Verkaufsraum nach einer Bedienung.
»Hier ist niemand.«
»Wenigstens gibt es trotzdem etwas zu essen«, meinte Louis und deutete auf einen Korb voller Brötchen.
»Langt zu. Wir wissen nicht, was uns in nächster Zeit erwartet.« Sie aßen. Der Korb leerte sich rasch, und Oskar genoss es, endlich wieder seinen Magen füllen zu können. In letzter Zeit hatte er sein Hungergefühl komplett ignoriert, es hatte andere, wichtigere Dinge gegeben, auf die er sich hatte konzentrieren müssen.Jetzt habe ich zumindest die Ruhe, mal wieder etwas zu essen. Das ist doch schonmal was. Wir befinden uns nicht mehr in direkter Lebensgefahr und können mal tief durchatmen. »Schon merkwürdig, dass die Brötchen noch frisch sind«, murmelte Cassie.
»Es muss also vor kurzer Zeit noch jemand hier gewesen sein.« In einem Kühlschrank fanden sie noch einige Wasserflaschen. Oskar nahm einen kleinen Schluck und bewahrte sich den Rest für später auf. Etwa zehn Minuten darauf verließen sie die Bäckerei wieder und setzten ihren Weg durch die Stadt fort. Es fühlte sich merkwürdig an, durch die verwaisten Straßen zu gehen, und Oskar hoffte sehnlichst, dass sie bald einer Menschenseele begegnen würden.
»Hast du einen Plan?«, fragte er Tim, der sich an die Spitze gesetzt hatte und die anderen führte.
»Ja. Ich möchte zur Stadtgrenze. Irgendwie habe ich im Gefühl, dass wir dort etwas finden.«
»Was sollen wir denn finden?«
»Ich weiß es nicht. Wir müssen uns überraschen lassen.«
»Na toll«, murmelte Nora.
»Etwas anderes bleibt uns nicht«, fügte Tim den bereits gesagten Worten hinzu.
»Wir könnten auch einfach abhauen von hier«, meinte Annie.
»Mir behagt dieser Ort nicht.«
Tim drehte sich um und blickte ihr in die Augen.
»Und wo willst du hin? Zurück in die Eiswüste?«
Annie antwortete nicht darauf, sondern zuckte nur mit den Schultern. Sie passierten mehrere Läden, entdeckten jedoch nichts, was auch nur im Entferntesten auf Leben hinwies. Oskar wäre schon froh gewesen, eine zerbrochene Fensterscheibe oder etwas anderes zu sehen, was nicht zu diesem Ort passte. Doch da war nichts. Er trank einen weiteren Schluck aus seiner Flasche, die sich stetig leerte. Die Sonnenstrahlen brachten ihn zum Schwitzen, obwohl es nicht besonders heiß war.
Die Sonne sank derweil allmählich tiefer. Oskar wusste nicht, wie spät es war, er hatte keine Uhr bei sich. Er schätzte jedoch anhand des Sonnenstands, dass der Abend bald kommen würde. »Ich denke, wir sollten langsam einen Ort aufsuchen, an dem wir die Nacht verbringen«, meinte Cassie schließlich.
Tim nickte.
»Das wäre mir auch lieber. Es wird, glaube ich zumindest, bald dunkel.«
Etwa zweihundert Meter weiter entdeckten sie einen kleinen Eingang, der sie zu einer Herberge führte. Ein Leuchtschild mit der Aufschrift „Zimmer frei“ prangte an der Front.
»Das sieht doch gut aus«, murmelte Tim.
»Lasst uns dort rein. Da können wir da auch unser weiteres Vorgehen besprechen.«
Sie traten durch den kleinen Eingang. Auch im Inneren der Herberge hielt sich kein anderer Mensch auf. Es war totenstill.
»Hallo?«
Oskar wusste, dass es vergebens war, er sprach diese Worte mehr aus Reflex. Niemand antwortete. Er hatte auch nichts anderes erwartet, drehte sich dennoch zu Cassie um und sah ihr tief in die Augen.
»Was ist verdammt nochmal hier los?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Ich weiß es nicht.«
»Ziemlich wenig«, scherzte Tim und zog einen der zahlreichen Sessel von einem Glastisch.
»Setzt euch.«
Oskar und die anderen nahmen ebenfalls Platz.
»Schaut, hier ist eine Karte.«
Nora deutete auf die Wand direkt hinter ihnen. Dort hing eine riesige Karte, auf der ein Stadtplan zu sehen war.
»Sehr schön.«
Tim lächelte.
»Dann lasst uns mal nachgucken. Wir befinden uns zurzeit hier.«
Er fuhr mit seinem Finger über die Karte, bis er einen roten Punkt erreicht hatte.
»Genau im Zentrum. Wow, das scheint echt eine riesige Stadt zu sein.«
Er überlegte einen Moment, blickte von links nach rechts und versuchte, irgendwelche Anhaltspunkte auf der Karte auszumachen.
»Seht!«
Nora war die erste, die etwas entdeckt hatte. Sie deutete auf eine Stelle am Rand, einem schwarzen Gebäude, das wie eine Burg aussah.
»Was ist das?«
Tim ging zu Nora und warf einen näheren Blick auf das, was sie ihm zeigte.
»Das sieht ja...