: Anne Freytag
: Vom Mond aus betrachtet, spielt das alles keine Rolle Anne Freytag ist eine der großen und gefeierten deutschen All-Age-Stimmen
: Verlagsgruppe Lübbe GmbH& Co. KG
: 9783751748322
: 1
: CHF 8.90
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: German
: 432
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Bestse lerautorin Anne Freytag ist eine der großen und gefeierten deutschen All-Age-Stimmen

< >Manchmal findet man sich in den unwahrscheinlichsten Momenten ...

Eben hatte Sally noch ein Leben - eine beste Freundin, eine langjährige Beziehung und eine potenzielle WG mit ihrem Bruder. Aber dann kommt alles anders: Pia ist mit ihren Eltern weggezogen, Felix hat überraschend Schluss gemacht, und statt in die erste eigene Wohnung geht es in den zweiten harten Lockdown. Einmal mehr ist Sally eingesperrt mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern. Und als wäre das nicht genug, zieht dann auch noch die ein paar Jahre ältere Leni bei ihnen ein. Unter anderen Umständen wären sich die beiden vermutlich nie begegnet. Doch jetzt schleicht Leni sich Stück für Stück in Sallys Gedanken und weiter in ihr Herz. Dabei hatte Sally sich so fest vorgenommen, sie nicht zu mögen ...

Lebensna e Themen und eine bildgewaltige Sprache - verpackt in einem mit Liebe zum Detail ausgestatteten Hardcover



Anne Freytag hat International Management studiert und als Grafikdesignerin gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Für ihre Romane wurde die Autorin mehrfach für Literaturpreise nominiert und damit ausgezeichnet - unter anderem dem Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur. Darüber hinaus gibt es konkrete Pläne zur Verfilmung einzelner Werke. Die Autorin lebt und arbeitet in München.

Hairy Styles?


Ich stehe frierend in der Wanne. Und dann denke ich, dass heutzutage kein Mensch mehr ein Badezimmer in so einem Schwimmbadblau fliesen würde. Schon gar nicht bis unter die Decke. Ein kompletter Raum von Kopf bis Fuß eingekachelt wie ein himmelblauer Schlachthof.

Rasierschaum läuft meine Leiste hinunter – erst die Leiste, dann die Innenseite meines Oberschenkels. Ich schaue in den Spiegel, stehe da mit dem Rasierer in der Hand. Die Haare nass, das Gesicht rot, der Blick skeptisch. EinWieso tust du das?, das sich endlos wiederholt. Die Antwort ist einfach, sie ist nur unangenehm. Kurz bevor Felix und ich zusammengekommen sind, hat er in einem Nebensatz erwähnt, dass er niemals mit einer Frau mitBusch ins Bett gehen würde. Kein Witz, genauso hat er es gesagt. Seitdem bin ich komplett haarlos. Abgesehen von denen auf meinem Kopf habe ich nur noch Wimpern und Augenbrauen – was völlig absurd ist, wenn man bedenkt, dass ich es früher kaum erwarten konnte, Schamhaare zu bekommen. Ich habe meinen Körper jeden Morgen unter der Dusche akribisch danach abgesucht. Und dann, als ich endlich eins gefunden hatte – ich war noch nicht ganz vierzehn –, hat sich überhaupt nichts geändert. Irgendwie hatte ich mir echt mehr davon versprochen. Als wäre so ein Schamhaar eine heimliche Eintrittskarte ins Erwachsenendasein. Wie eine Trennlinie zwischen Kind und Frau. War es aber nicht. Ich hatte einfach nur ein Schamhaar.

Ich erinnere mich noch, wie ich damals hier stand, in derselben Wanne, irgendwo zwischen euphorisch und ernüchtert, und darauf gewartet habe, mich anders zu fühlen. Darauf warte ich irgendwie bis heute – mit dem Unterschied, dass ich mir jetzt die Schamhaare wegrasiere, obwohl es juckt und ich kleine Pickel davon bekomme. Mir ist klar, dass es mittlerweile auch andere Möglichkeiten der Enthaarung gibt, aber die kommen nicht infrage, weil meine Schwester sie finden würde und ich mich dann vor ihr rechtfertigen müsste, wieso ich mich dem männlichen Diktat unterwerfe. Als wäre ich da die Einzige. Fast alle, die ich kenne, sind rasiert. Eine ganze Generation gepflegt bis in die Unterhose. Aalglatt und verlogen – und ein paar Tage später stoppelig mit dem unbändigen Drang sich zu kratzen. Und obwohl das alles so ist, und obwohl ich das weiß, und obwohl Felix Schluss gemacht hat, stehe ich trotzdem breitbeinig in der Wanne, mit gekrümmtem Rücken und angespanntem Nacken und entferne jedes noch so kleine Haar in meinem Intimbereich. Und das alles nur wegen einem Satz.

Franny ist da anders. Sie lebt nach der Prämisselove what you love and make no apologies. Ein Zitat von Tennessee Williams, das sie als Postkarte an ihre Zimmertür geklebt hat. Im Vergleich dazu bin ich ein einziger Kompromiss. Unsicherheit versteckt hinter Schlagfertigkeit und Zynismus. Zumindest war ich mal so. Jetzt schweige ich überwiegend. Laut zu sein fiel mir früher leicht – vor allem, wenn ich die richtige Meinung vertrat, wenn ich in der grölenden Masse stand und zu deren Echo wurde. Mama sagt, dass man eine Stimme sein soll und kein Echo, weil Meinungsäußerung ein Privileg ist und die eigenen Ansichten Teil von einem.Menschen, die schweigen, bewegen nichts.Die stehen nur dumm rum und klatschen für andere, sagt sie. Ich weiß, dass sie damit recht hat, aber das macht es nicht einfacher.

Die Wahrheit ist: Ich bin ein Produkt meiner Zeit. Scheinbar unangepasst, weil das alle sind, gegen Dinge, von denen ich nicht besonders viel verstehe, eingeschüchtert, aber gleichzeitig zu unabhängig und stark, als dass ich das zeigen würde. Eine Kompassnadel, die außer Kontrolle geraten ist. Nur dass es keiner mitkriegt. Wie Wut, die man in ein Kissen brüllt.

Ich inspiziere meinen Schambereich (was für ei