Urs Stierli spielte mit seiner bald dreijährigen Tochter Alenia im Garten ihres Hauses, welches die Familie seit zwei Jahren in einer Gemeinde am Zürichsee bewohnte. Das Anwesen stand auf dem Zimmerberg und war umgeben von Weideland für Kühe und von einem grossen Wald, der sich über weite Teile der Hügelkette ausbreitete. Sie hatten sich für diese ländliche Umgebung entschieden, weil sie ihre Tochter nicht in Mitten des hektischen Stadtlebens aufwachsen lassen wollten. Daniela, die nach wie vor als Journalistin arbeitete, daneben aber auch Bücher schrieb, genoss die grossartige Lage mit Blick auf den Zürichsee und hatte sich ihren Arbeitsplatz so eingerichtet, dass sie die atemberaubende Aussicht auf den See und die dahinterliegenden Alpen geniessen konnte, wann immer sie aufschaute. Seit Urs vor drei Jahren seine Begegnung mit den Polarlichtern hatte, war ihr Leben stark verändert. Sie hatten geheiratet, Alenia war auf die Welt gekommen und Urs hatte seinen Beruf an den Nagel gehängt. Aufgrund seiner Fähigkeit, sämtliche Sprachen die es überhaupt geben konnte, zu beherrschen, war er von Angeboten nur so überhäuft worden. Weil er jedoch sein Können nicht gegen Bezahlung einer einzigen Person oder einem einzigen Unternehmen zur Verfügung stellen wollte, hatte er schliesslich entschieden, nur Aufgaben anzunehmen, die mit seiner Weltanschauung in Einklang standen. Zahlreiche Angebote hatte er abgelehnt. Auch solche von Regierungen, die ihn für ihre sicherheitspolitischen Tätigkeiten gewinnen wollten, oder grosse, international operierende Konzerne, die sich von seinen Fähigkeiten Wettbewerbsvorteile versprachen. Die internationale Forschung, allen voran die Archäologen, hatten es ihm zu verdanken, dass seit seinem Unfall in Norwegen, zahlreiche Geheimnisse, die in der Vergangenheit der Menschheit lagen, gelüftet werden konnten. So war er an den meisten Universitäten auf der ganzen Welt zum gerngesehenen Gast geworden. Die Honorare, die er für seine Tätigkeit im Dienste der Forschung bekam, zusammen mit den Einkünften Danielas aus ihrer journalistischen Tätigkeit für eine grosse Tageszeitung, genügten bei weitem um sich und der Familie ein angenehmes Leben und ein gesichertes Alter zu sichern.
Wenn er mit Alenia im grossen Garten spielte, gab es keine derartigen Gedanken. Er konzentrierte sich ganz auf seine Tochter und ihr Gespür für die Natur. Schon im Alter von zwei Jahren hatte sie erstaunlich gut gesprochen und ihre Eltern staunten immer wieder über die Fragen, die ihnen ihre Tochter stellte.
Sie wollte zum Beispiel wissen, warum die Vögel so unterschiedliche Nester für ihren Nachwuchs bauten. Die Amselnester sahen wie kleine Körbchen aus in welchen die Vogelmutter ihre grünlichen Eier ausbrütete. Die Schwalben hingegen, klebten ihre Nester gerne an Decken oder Wände von Gebäuden und hatten eine ganz andere Technik für deren Bau. Daniela hatte dann stundenlang über die Vogelwelt und deren Nestbau gelesen um ihrer Tochter ihre Fragen zu beantworten. Alenia hatte nachdenklich genickt und war dann in den Garten gerannt, wo sie auf Vogelnestentdeckungsreise ging. Am Abend erzählte sie am Tisch ihren Eltern von ihren Entdeckungen und ihre Beschreibungen waren so präzise, dass Daniela nicht mehr aus dem Staunen herauskam. Urs meinte dazu nur, dass seine Tochter halt auch mit Fähigkeiten ausgestattet sei, die über diejenigen eines normalen Kindes hinausgingen.
Heute ging es beim Spielen im Garten nicht um Vogelnester, sondern um Pfahlbauten. Alenia hatte aufmerksam zugehört, als ihre Eltern am Frühstückstisch über den Fund von Pfahlbauten im Zürichsee sprachen. Urs hatte ihr erklärt, dass solche Bauten vor mehreren Tausend Jahren am Zürichsee, aber auch an anderen Seen entstanden waren. Die Menschen hätten sich so vor Hochwasser geschützt, aber auch vor Angriffen von Raubtieren, die es damals gab. Bären, zum Beispiel. Dann natürlich auch, um sich gegen Angriffe von Nachbarn besser wehren zu können. Alenia wollte vieles dazu wissen und ihre Eltern versuchten ihre Neugierde so gut wie möglich zu befriedigen. Jetzt stand Urs mit ihr im Garten und sie waren im Begriff, ein kleines Modell eines Pfahlba