: Katharina Klees
: Grenzpaare in der traumasensiblen Paartherapie Krisen meistern mit dem Integritätskompass Mit Online-Materialien
: Junfermann Verlag
: 9783749504350
: 1
: CHF 47.00
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: Angewandte Psychologie
: German
: 424
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Von verletzenden zu Halt gebenden Grenzen Immer mehr Paare gehen grenzverletzend miteinander um, leiden unter Beziehungsstress und suchen deshalb schließlich eine Paartherapie auf. In ihrer Kindheit waren diese Menschen oft aus- oder eingrenzenden Bedrohungen ausgeliefert oder wurden in der Eltern-Kind-Interaktion zerrieben. Sie konnten sich weder schützen noch andernorts Zuwendung suchen. In ihren späteren Beziehungen setzen sie keine Grenzen, akzeptieren oder etablieren nur wenige Rahmenbedingungen, führen hierüber keine Gespräche, treffen erst recht keine verbindlichen Entscheidungen. Die Grenzpaartherapie ist eine Reise in fünf Etappen und etliche nützliche Instrumente geben Orientierung auf dem Weg: - Der Integritäts-Kompass sorgt dafür, dass das Paar nicht mehr vom Weg abkommt und das Traum(a)-Schloss erreicht. - Das Beziehungsmodell der vier Grenzverletzungswunden bietet therapeutischen Begleiter:innen ein diagnostisches Instrument, um Loyalitäts- und Verstrickungsfallen zu erkennen. - Die vier Integritätsfaktoren bieten eine klare Orientierung für den Erfolg der Beratung. In Form zahlreicher erklärender Videos stellt die Autorin den Leser:innen eine digitale Reisebegleitung zur Verfügung.

Dr. Katharina Klees Therapie und Weiterbildung für Trauma& Paare seit 1995. Zertifizierte Ausbilderin der DeGPT und BAG Traumapädagogik für traumaspezifische Fachberatung

1. Wenn Liebe zum Trauma wird: Risikoanalyse für Grenzpaare


„Beziehungsstörungen betreffen die (beiden) beteiligten Personen und eine gestörte ‚Verbindungsstelle‘. Die Störung ist nicht nur auf ein Problem in einem Mitglied der Beziehung zurückzuführen, sondern eine pathologische Interaktion von jeder der an der Beziehung beteiligten Personen.“1

Wie ich schon sagte: Immer mehr grenzverletzend miteinander umgehende Paare suchen wegen ihres Beziehungsstresses eine Paartherapie auf. Leider fällt speziell die Grenzpaarproblematik den Fachpersonen viel zu spät auf, und von den Paaren werden gut gemeinte und aufrichtige Hilfeangebote angezweifelt und infrage gestellt. Oder sie bewirken das Gegenteil dessen, was sie eigentlich bewirken sollten: sie schaden.

Im Interesse eines von Anfang an strukturierten und stringenten Beratungsprozesses beginne ich dieses Kapitel mit einer vorläufigen Definition der Grenzpaarthematik und mit Beobachtungen aus der Praxis. Ob man es mit einem Grenzpaar zu tun hat, zeigt sich erfahrungsgemäß bereits während der Auftragsklärung. Therapeut:innen und Fachpersonen fühlen sich oft von der Vielzahl der problematischen Themen des Paares überwältigt und von den überhöhten Erwartungen geradezu überfahren.

Ein klarer Rahmenvertrag bietet hier Schutz vor Ausuferung, Eskalation und Grenzüberschreitung. Für Grenzpaare ist ein solcher Vertrag häufig eine Zumutung, während anders strukturierte Menschen diesen Minimalbedingungen ohne Bedenken zustimmen können. Erst danach kann eine umfassende Diagnostik erfolgen, um nach möglichst objektiven Kriterien einen gemeinsamen Handlungsplan zu entwickeln.

Nach den Formulierungsvorschlägen für eine Vertragsvereinbarung erkläre ich die diagnostischen Instrumente: Auftragsklärung, den Test zur Persönlichkeitsstruktur und das strukturierte Interview mit dem Paar. Sie alle liefern uns wertvolle Informationen über das Ausmaß einer möglichen Grenzpaardynamik, und mit der gebotenen Vorsicht können wir anschließend mit dem Paar alles besprechen. Das Wissen über Grad oder Schwere hilft beiden Seiten – dem Paar und der Fachperson –, sich für oder gegen die gemeinsame Beratung zu entscheiden.

Um die Beziehungskonstellationen von grenzverletzten Menschen zu verstehen, nutzen wir die vier inneren Anteile, die auch in der traumasensiblen Paartherapie helfen, Beziehungsmuster, Interaktionen und Herausforderungen für die Partnerschaft zu verdeutlichen. Von einer seelisch gesunden Beziehungsfähigkeit ausgehend, skizzieren wir außerdem das Ziel der Behandlung.

Für die traumasensible Paartherapie hat sich das Traum(a)-Haus-Konzept bewährt. Den Grenzverletzungen in der Kindheit werden wir jedoch eher mit der Metapher des Aufwachsens in einer Geisterbahn gerecht; dies klingt weniger nach Störung, Pathologie oder gar Krankheit. Der Fokus richtet sich so eher auf das Leid und weniger auf individuelles Versagen. Die Geisterbahnmetapher hilft, Ursache und Ausprägung der speziellen Interaktionsstörung bei Grenzpaaren zu verstehen. Wie aber kam ich auf diese Metapher? Einer Klientin waren als Kind von ihrer Mutter zur Bestrafung körperliche Verletzungen zugefügt worden. Von ihrem Partner wurde sie später jahrelang ausgenutzt, was dieser voller Reue zugab. Auch er hatte als Kind furchtbare Qualen erlebt, denn seine Mutter sperrte ihn stundenlang im dunklen Keller ein. Beide hatten keinerlei Ahnung, was gesund und was schädigend für eine Partnerschaft ist. „Wenn man in einer Geisterbahn aufwächst, kommt einem all dieser Horror völlig normal vor,“ meinte die Klientin.

Mit dieser Aussage findet sich das Paar in bester Gesellschaft, denn kaum eine traumatisierte Person