Vorwort
Ich bin Psychotherapeutin. Gelegentlich kommt es vor, dass Patienten2 mich in Notsituationen anrufen – in der Regel, weil sie sich akut überfordert fühlen.
Kurz vor Mittag an einem schönen Herbsttag 1998 kontaktierte mich Natalies Ehemann Rick über meinen Pager.
„Ich mache mir wirklich Sorgen um sie“, sagte er, „aber ich bin gerade nicht in der Stadt und frühestens in drei bis vier Stunden zurück.“
Natalie war wegen Ängsten bei mir in Behandlung. Sie hatte den Eindruck, den Anforderungen durch Beruf und Familie nicht mehr gerecht zu werden. Sie verabscheute ihr hektisches Leben, hatte gleichzeitig aber immense Schuldgefühle, sich das einzugestehen. Es ging ihr nicht gut damit, es ständig allen recht machen zu wollen, dabei aber immer das Gefühl zu haben, nicht genug zu tun. Fast schien sie sich dafür entschuldigen zu wollen, überhaupt über ihre Probleme zu sprechen, so, als wäre das ungehörig oder egoistisch. „Eigentlich sollte ich mich gar nicht beklagen“, sagte sie mir. „Im Vergleich zu den meisten anderen Leuten habe ich doch ein leichtes Leben.“
Wenn sie mal lachte, klang es nervös und gezwungen, aber sie trug immer ein Lächeln auf den Lippen, selbst wenn sie über Schmerzhaftes sprach. In letzter Zeit hatte Natalie häufiger zum Alkohol gegriffen – „immer erst, wenn die Kinder im Bett sind“ –, um mal ein bisschen abzuschalten.
„Ich glaube, sie ist zu Hause“, berichtete Rick am Telefon. „Sie hat die Kinder in die Schule gebracht, und heute ist ihr freier Tag. Ich habe bei ihr angerufen, aber sie geht nicht dran. Als ich sie zuletzt gesprochen habe, klang sie irgendwie komisch. Sie hat mich gebeten, die Kinder abzuholen. Hat sie Ihnen gegenüber vielleicht irgendetwas erwähnt? Dass es ihr nicht gut geht?“
Die Panik in Ricks Stimme war nicht zu überhören. Mein Verstand sagte mir, dass wahrscheinlich alles in Ordnung war, aber mein Bauchgefühl schlug Alarm. Ich bot an, den Notruf zu verständigen, aber er hatte Sorge, dass Natalie extrem verärgert wäre, wenn sie doch einfach nur aus irgendeinem Grund nicht ans Telefon ging. Ich wusste, dass sie um die Ecke von mir wohnte – ich sah sie ständig im Garten. Nur aufgrund dieser räumlichen Nähe entschied ich mich zu einer ansonsten sehr ungewöhnlichen Reaktion.
Eine oder zwei Minuten später kam ich bei ihrem von einem eleganten Garten umgebenen Haus an. Ich ging zur Haustür und klingelte. Nichts.
Ich ging ums Haus und klopfte an die Terrassentür. Wieder nichts. Ihr Auto war draußen vor der Garage geparkt. Ich schaute durch die Fenster, nur um sicherzugehen, dass sie nicht drinsaß.
Rick hatte mir den Sicherheitscode für die Garage mitgeteilt. Als ich die Zahlen eingab, kam ich mir wie eine Einbrecherin vor. Das Garagentor öffnete sich ächzend und gab den Blick auf ein tadellos aufgeräumtes Inneres frei, von wo aus eine weitere Tür ins Haus führte.
Auch im Haus mit seinen hohen Decken und großen Fenstern herrschte absolute Stille. Man hörte weder Musik noch den Fernseher. Alles war sehr sauber. Sehr aufgeräumt. Ich lief herum und rief Natalies Namen.
Die Küche war geräumig, die Elektrogeräte glänzten, der Kühlschrank war über und über mit sauber beschrifteten Kinderfotos bedeckt. Im Wohnzimmer, gleich neben der Küche, hätte man Gäste empfangen können: Die Kissen waren aufgeschüttelt, und gemütlich aussehende Strickdecken waren kunstvoll über den Armlehnen eines Modulsofas drapiert.
Immer wieder rief ich Natalies Namen – zunächst noch zurückhaltend, weil ich sie nicht unnötig erschrecken