: Elizabeth A. Wilson
: Peter Schneider
: Psychosomatik
: Edition Patrick Frey
: 9783907236604
: 1
: CHF 8.80
:
: Frauen- und Geschlechterforschung
: German
: 228
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Was können naturwissenschaftliche Theorien zum heutigen Verständnis der Verleiblichung in den Geistes- und Sozialwissenschaften beitragen? Und inwieweit begünstigt besonders die neurowissenschaftliche Forschung neue Theorien von Geist und Körper? Feministinnen werfen den Neurowissenschaften seit Langem biologischen Reduktionismus vor, doch wie Elizabeth A. Wilson darlegt, sind neurologische Theorien – und insbesondere einschlägige Beschreibungen von Depression, Sexualität und Gefühlen – für feministische Theorien des Körpers durchaus nützlich. Anstatt sich auf die Neigung zum Festschreiben des Althergebrachten in den Neurowissenschaften zu verlassen, betont Wilson deren Potenzial zur Neuerfindung und Transformation. Wilson geht auf Einzelheiten der Nervenverbindungen, der subkortikalen Pfade und des Reflexhandelns ein und gelangt so zu dem Schluss, dass Zentral- und vegetatives Nervensystem wirkmächtig mit der Sexualität, mit Affekten, Gemütszuständen und kognitiven Vorlieben sowie mit anderen Organen und Körpern in Verbindung stehen, ohne dass die feministische Literatur sich damit bisher vollumfänglich auseinandergesetzt hätte. Ob anhand ihrer Erörterung von Simon LeVays Hypothese über die Gehirne schwuler Männer, Peter Kramers Modell der Depression oder Charles Darwins Herleitung des Zitterns und Errötens: Wilson gelingt es zu zeigen, dass und wie sich die Neurowissenschaften zur Erneuerung feministischer Körpertheorien eigenen.

Vorwort des Herausgebers — Nicht ohne meinen Körper


1. Der Beziehungsstatus zwischen Körper und Seele ist kompliziert. Wenn es sich denn überhaupt bei diesem Verhältnis um das einerBeziehung handelt, die ja zwei verschiedene Entitäten voraussetzen würde. Es wird noch komplizierter, wenn man – wie David Napier in einem mit 19 Kolleg:innen verfassten Kommissionspaper – «culture» als dritten Faktor im Verständnis von psychischer und körperlicher Gesundheit und Krankheit anmahnt:

This Lancet Commission on Culture and Health, thus, underlines the need to understand how wellbeing is socially generated and understood, and how socially constructed domains of meaning – that is, «cultures» – relate or fail to relate to outstanding notions of health and systems of care delivery. Because wellbeing is both biological and social, we are committed to the idea that health providers can only improve outcomes across diverse domains of meaning once they accept the need to understand the socio-cultural conditions that make people, or allow people to make themselves, healthier.1

Die drei Eckpunkte des geläufigen bio-psycho-sozialen Dreiecks, mit dem die Aspekte der Krankheitsverursachung häufig dargestellt werden, wären somit allenfalls analytische, aber keine (gesicherten) ontologischen Kategorien. Vielleicht sogar auch nur systematische Kategorienverwechslungen? Diese Unklarheiten machen den Begriff der Psychosomatik so schwierig fassbar. In dem SammelbandAuf der Suche nach einer anderen Medizin. Psychosomatik im 20. Jahrhundert schreiben die Herausgeberinnen Alexa Geisthövel und Bettina Hitzer über den Wandel dessen, was man unter Psychosomatik versteht:

Eine allgemein anerkannte Definition von Psychosomatik gab es in der Vergangenheit nicht und gibt es auch heute nicht, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass sich Vorstellungen darüber, wie Psyche, Geist oder Seele verfasst sind, wie diese mit dem Körper zusammenhängen und ob daneben andere Dimensionen wie etwa das Soziale berücksichtigt werden müssten, kontinuierlich geändert haben.2

Psychosomatik als mehr oder weniger «holistische» Disziplin versteht sich in der Regel einerseits als eine Kritik an einem biomedizinischen Reduktionismus; andererseits steht sie mit ihrer Forderung nach «Ganzheitlichkeit» aber auch unter dem Verdacht, esoterische Vorstellungen über Gesundheit und Krankheit zu befördern, wie etwa das Konzept einer «Krebspersönlichkeit». Es gehört schliesslich zum Erfolgskonzept der «modernen» Wissenschaften, ihre epistemischen Objekte zu isolieren, d. h. auf überschaubare Interaktionen mit anderen Objekten zu reduzieren.

Elizabeth Wilsons BuchPsychosomatik nun ist ein Plädoyer, diese in der «Verfassung der Moderne» (Bruno Latour)3 vorgesehenen Trennungen (z. B. von Kultur und Natur) zugunsten einer Art Akteur-Netzwerk-Theorie des Bio-Psycho-Sozialen aufzuheben und auch nichtmenschliche und nichtorganische Akteur:innen einzubeziehen. Dazu greift sie auf die Evolutionstheorie und – wie auch in ihrem BuchEingeweide, Pillen, Feminismus4 –Psychopharmakologie sowie auf die Psychoanalyse zurück, genauer: auf eine Psychoanalyse, welche die Psychoanalytiker:innen selbst vielfach lediglich für deren Vorgängerin halten.

2. Freuds (zusammen mit Josef Breuer verfassten)Studien zur Hysterie von 1895 (GW 1) wurden nach dem Willen der Herausgeber derGes