Anna Lundberg wartete, bis der Wagen geräuschlos vor dem Eingangstor des Hausesgehalten hatte, das ein wenig zurückgesetzt an einer wenig befahrenen Straße am Stadtrand von Uppsala lag. Ohne groß nachzudenken, legte sie ihren linken Unterarm auf das Display des Wagens, auf dem in grünen Lettern „Checkout“ leuchtete. Sie stieg aus, schloss die Türe, das selbstfahrende Fahrzeug setzte sich wie von Geisterhand in Bewegung und fuhr mit einem leisen Summen ab.
Anna mochteeinen Meter fündundsiebzig groß sein. Wenn es so etwas wie eine typische Schwedin gab, dann warsie ein Beispiel dafür: Flachsblondes langes Haarwar sorgfältig gescheitelt und am Hinterkopf straff zu einem Knoten gebunden;heller Teint,wache blaue Augen,eine zierliche kleine Nase. Sie war gertenschlank, ihre Figur wurde noch von dem schlichtenNaturleinenkleid unterstrichen, das ihr bis weit unter die Knie reichte. Obwohl ihre Silhuette schmal war, ließen ihr die Falten im Rockteil des Kleides genug Bewegungsfreiheit, sodass sie mit den weißen Sneakers gut ausschreiten konnte, die sie an ihren unbestrumpften, makellos glatten Beinen trug.
Anna war wie meist mit einem zweisitzigen Fahrzeug unterwegs, obwohl dieses etwazwanzig Prozent mehr kostete als die kleinen Einsitzer, die allerdings mehr an Kabinenroller gemahnten und eine mehr dem Motorradfahren ähnliche Sitzposition erforderten. Annawar von klein auf darauf gedrillt, ihre Beine zusammenzuhalten.Daher warihr das unangenehm, sie bevorzugte die zweisitzigen Modelle, in denen man normale Autositze vorfand.Und sie konnte sich das auch leisten.Oder ehrlicherweise: Ihr Vater konnte sich das leisten,als Tochter eines Rechtsanwaltes und einer Internistin, mit denen sie etwas außerhalb von Uppsala alsältere von zwei Töchternein großes Haus bewohnte, kannteAnnakeine materiellen Sorgen.
Anna holte noch einmal tief Luft und prüfte sich ein letztes Mal, bevor sie die paar Schritte auf die Haustüre zuging und den altmodischen Klopfer betätigte, der die einzige Möglichkeit schien, sich bemerkbar zu machen. Sie hatte sich das letzte halbe Jahr, im Sommer vor ihrer Universitätseinschreibung, intensiv mit sich selbst und dem Angebot der Evangelikalen beschäftigt. Und ja, sie war sich sicher, dass das der Weg war, den sie gehen wollte. Sie war mit ihrenachtzehn Jahren noch Jungfrau, sowohl im technischen Sinn, als auch im praktischen Zugang zu ihrer erwachenden Fraulichkeit. Sie hatte kaum je das Bedürfnis verspürt, sich selbst zu berühren, ihre Körperlichkeit zu erkunden, und der Gedanke, eine andere Person, insbesondere einen Mann, näher als auf Armlänge an sich heranzulassen, machte sie schaudern.Sie warallerdingsauch dankbar gewesen, als mit fünfzehn ihr Chip aktiviert wurde, und dachte nicht daran, an der Unterdrückung ihrer Menstruation etwas zu ändern, die ihr die beiden Jahre davor erheblich zu schaffen gemacht hatte. Auch ihre Mutter, die zu diesem Thema eine sehr konservative Haltung hatte und ihr den Chip am liebsten wieder ganz abgeschaltet hätte, konnte daran nichts ändern, gegen Annas Willen war das auch technisch gar nicht möglich. Es gab so vielAnderes, was die Welt zu bieten hatte, was man entdecken konnte, der eigene Körpergalt ihr nicht viel mehr als ein Transportmittel ihres wachen Geistes, dem man vor allem deswegen Aufmerksamkeit schenken musste, um ihn langfristig in guter Funktion zu halten.
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Sie war natürlich schon bemerkt worden, lange bevor sie den Klopfer betätigt hatte. Der weit reichende Chipleser, der am Portal des Hauses angebracht war, war zwar nicht legal, aber auch schwer zu entdecken, weil er auch das sachte Vibrieren des Chips zu unterdrücken vermochte, das eigentlich vorgeschrieben war, damit die tragende Person immer wusste, wenn sie gescannt wurde. Man wollte schließlich wissen, wer sich für das unscheinbare Haus interessierte. Doch Anna wurde erwartet, und so bat Nils Nilsson, ein Vorstandsmitglied des lokalen Zweigvereines der Evangelikalen, der den völlig irreführenden Titel „Bischof“ trug, die Hausangestellte, die junge Dame hereinzubitten und gleich zu ihm weiterzuführen.
Es war eher ungewöhnlich, dass der Bischof selbst sich um das Ersta