: Christine Zarend
: Wir fordern das Recht menschlich zu leben Halles erster Arbeiterverein (1848-1850)
: Stockwärter Verlag
: 9783966921046
: 1
: CHF 4.40
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: Politische Theorien und Ideengeschichte
: German
: 132
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Im Vorfeld und im Verlauf der Revolution von 1848/49 nahmen politische Emanzipationsbestrebungen an Fahrt auf. Dazu gehörte die Arbeiterbewegung. Dies betrifft nicht nur den von Karl Marx und Friedrich Engels geprägten Teil um den Bund der Kommunisten, der auf den Umsturz der Eigentums- und aller anderen gesellschaftlichen Verhältnisse setzte. Ein anderer Teil war die von Stefan Born 1848 ins Leben gerufene Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung, kurz Arbeiterverbrüderung genannt. Sie repräsentierte den mehr reformerischen, einerseits auf Interessenausgleich mit den Kapitalisten gerichteten Zweig der Arbeiterbewegung. Andererseits orientierte sie auf verschiedene Formen der Selbsthilfe der ihr angeschlossenen Vereine. Der am 16. Oktober 1848 gegründete erste Arbeiterverein der Stadt Halle an der Saale trat wenige Tage nach seiner Entstehung der Arbeiterverbrüderung bei. Ihm gehörten neben Proletariern zahlreiche Handwerksgesellen an. Sie riefen unter dem Dach ihres Vereins mehrere Selbsthilfeprojekte ins Leben. Die Aufnahme auch von Frauen war zu der damaligen Zeit nicht selbstverständlich. Soweit es die Quellenlage zuließ, wurde ihre Teilnahme am Verein herausgearbeitet. Im Zuge der Restauration in den Jahren nach der Revolution wurde der hallesche Arbeiterverein 1850, zwei Jahre nach seiner Entstehung, verboten.

Christine Zarend - 1949 geboren - Diplomgesellschaftswissenscha tlerin, Dr. phil., 1990 Promotion"Zur Agrarpolitik der SED in der ersten Hälfte der 80er Jahre (1980 bis 1985)", 1994 zusammen mit Henning, N. und Richter, K. -"Untersuchungen zum Entwicklungsstand von Unternehmenskultur in Klein- und mittelständischen Unternehmen Sachsen-Anhalts unter besonderer Berücksichtigung der Personalentwicklung. Empirische Studie", 1998 -"'Mit Gott für König und Vaterland': Eine stille Heldin der Befreiungskriege - Friederike Rosine Lehmann", 1999 -"Wir fordern das Recht, menschlich zu leben": Zur Teilnahme von Frauen an Halles erstem Arbeiterverein (1848 - 1850). In: Aszakis, Ch. / Münchow, K. / Zarend, Ch.:"Wie hältst du's mit der Rebellion?": Frauen zwischen Aufbruch und Anpassung im Halle des 19. Jahrhunderts, 2001 - Mitarbeit an Münchow, K. / Kahsche, M. / Zahn, Ch.:"Hausgeschichten denkmalgeschützter Bauten in Brehna", 2004 -"Vom Lazareth zum Dienstmädchen-Institut: Johanne Christiane Louise Bergener (1774 - 1851)". In: Jahrbuch für hallische Stadtgeschichte 2004

2. Die Lage des halleschen Proletariates vor der Revolution


Um die Salz- und Universitätsstadt Halle an der Saale, in der damaligen preußischen Provinz Sachsen gelegen, machten die demokratischen Bestrebungen des Jahres 1848 keinen Bogen. Der Verlauf der revolutionären Bewegung und die Organisation der in ihr wirkenden Kräfte spiegelten in dieser mitteldeutschen Provinzstadt ebenso die Breite der Einheits- und Freiheitsbestrebungen wider, wie sie in ganz Deutschland am Werke waren.4 Das hallesche Proletariat bildete hierbei keine Ausnahme. Nach langer Zeit des Duldens und Leidens trat es mit eigenen Forderungen und einer ersten selbständigen Organisation hervor.

Halle zählte im Jahre 1848 etwa 32.000 Einwohner, ungefähr ein Drittel davon gehörte den proletarischen Unterschichten in ihrer ganzen Differenziertheit an. Das Proletariat der Stadt bestand zu dieser Zeit vorwiegend aus Arbeitern kleiner Werkstätten und Betriebe mit nur wenigen Beschäftigten, vor allem jedoch aus Tagelöhnern und Handarbeitern, verarmten Handwerksmeistern und Gesellen.5 Der geringste Teil der Arbeiterschaft war in Fabriken im eigentlichen Sinne beschäftigt, denn Halle schickte sich erst an, eineIndustrie- und Fabrikenstadt zu werden. Erste Anfänge der Industrialisierung in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, wie die 1835 gegründete Zuckersiederei-Companie auf Aktien, die Kröllwitzer Papiermühle mit damals 178 Arbeitern, die - noch vor den Toren der Stadt gelegenen - ersten Maschinenbaubetriebe in Giebichenstein, die beiden 1842 eröffneten Wagenbaufabriken und der noch in den Anfängen steckende industriemäßige Abbau von Braunkohle reichten bei weitem nicht aus, die Nachfrage nach Arbeit zu decken und gaben nur etwa 700 Arbeitern dauerhaft Lohn und Brot. Dazu kam, dass sich ein großer Teil der Handwerksmeister und - gesellen durch den Verfall der traditionellen Gewerbe wie Tuch- und Handschuhmacherei in seinen Einkommens- und Lebensverhältnissen kaum von dem der eigentlichen proletarischen Schichten unterschied. Allgemein beklagten die Bürger die Nahrungslosigkeit in Halle. Die materielle Not wurde durch unwürdige Wohnverhältnisse und geistig-kulturelles Elend noch verschärft.

Für ein kinderloses Proletarierehepaar betrug - auf ganz Preußen bezogen - das Existenzminimum, das lediglich das nackte Überleben sicherte, 124 Reichstaler (Rtlr.), vorausgesetzt der Roggenpreis pro Scheffel überstieg einen Taler (Tlr.) nicht wesentlich. Der durchschnittliche Jahreslohn eines Handarbeiters