2.1 Paare im Erwartungskontext des Kinderkriegens
Eine Kinderwunschbehandlung setzt nicht nur einen Kinderwunsch voraus, den Paare gegenüber Reproduktionsmediziner:innen zum Ausdruck bringen müssen, sondern auch dessen authentische Wahrnehmung und Einordnung als auf natürlichem Weg trotz aller Bemühungen unerfüllt gebliebener Kinderwunsch, der entsprechend nach medizinischer Hilfe verlangt. Der medizinisch anerkannte Behandlungsgrund des „unerfüllten Kinderwunsches“ ist eine voraussetzungsreiche Konstruktion, die sich im Zuge medizinischer Behandelbarkeit sukzessive mitentwickelt hat und ihn wie eine Krankheit entwirft. Aber auch schon der Kinderwunsch selbst ist ein soziales Konstrukt, mit dem man sich beschäftigen muss, um das Kinderkriegen und die Kinderwunschbehandlung soziologisch verstehen zu können. In diesem Kapitel geht es darum, wie Paare zuKinderwunschpaaren werden, auf welche Weise sie in den Kontext einer möglichen Kinderwunschbehandlung hineingeraten, welche Sinnhorizonte sich dabei innerhalb der Paarbeziehung auftun und wie sich diese entwickeln und verändern.14 Um diese Entwicklungen zu erfassen, müssen wir bereits vorher ansetzen: Wie gerät ein Paar überhaupt in den Erwartungskontext des Kinderkriegens?
2.1.1 ‚Soziale Schwängerung‘ von Paarbeziehungen
Der Kinderwunsch ist ein Konstrukt, das historisch erst dann zum Vorschein kommt, wenn Kinderkriegen keine biografische Selbstverständlichkeit mehr darstellt, seit man sich also auchkeine Kinder wünschen kann, bzw. sich auch Personen oder Paare Kinder wünschen können, die noch vor kurzer Zeit gesellschaftlich dafür nicht in Betracht kamen. Mit letzteren sind vor allem gleichgeschlechtliche Paare gemeint, die allerdings auch heute noch deutlich geringeren Erwartungen an das Elternwerden im Sinne einer „sozialen Schwängerung“ (Hirschauer u. a. 2014: 263 f.) ausgesetzt sind. Frauen- und insbesondere Männerpaare müssen ihren Kinderwunsch, den sie sich oft selbst erst einmal zugestehen müssen (vgl.Dionisius 2021: 221 ff.), gegen ganz verschiedene Widerstände durchsetzen, die unter anderem auch von der Variante seiner Umsetzung sowie deren gesellschaftlicher Akzeptanz abhängen. Als motivationaler Grund wird der Kinderwunsch ansonsten meist nicht groß hinterfragt. Es wird als natürlich, selbstverständlich und meist seinerseits als grundsätzlich wünschenswert aufgefasst, dass Menschen ihn in bestimmten Phasen ihres Lebens zum Ausdruck bringen und umzusetzen versuchen. Aus soziologischer Perspektive soll der Kinderwunsch weniger als motivationales Substrat, wie es in der Psychologie verwendet wird und auch eher dem Alltagsverständnis entspricht, sondern zunächst in Form von kontingenten und kontextgebundenen kommunikativen Äußerungen ins Blickfeld genommen werden, die wiederum unterschiedliche Erwartungshorizonte des Kinderkriegens widerspiegeln. Grob lassen sich zwei grundsätzliche Formen des Kinderwunsches unterscheiden:
(1) Eine Art Einstellung oder Lebenshaltung, die eigene Kinder als ein grundsätzlich biografisch wünschenswertes Ereignis mitführt, kann etwa schon von Kindern oder Jugendlichen zum Ausdruck gebracht werden:Irgendwann will ich selbst mal Kinder haben, will selbst einmal Mama oder Papa sein. Dieser abstrakte, auf eine unbestimmte Zukunft gerichtete Wunsch, einmal selbst Kinder haben zu wollen, oder auch die Reue, dies im Leben versäumt zu haben, ist nicht weiter legitimierungsbedürftig und harmon