: Oliver Mayfield
: Ivan und Michail
: Books on Demand
: 9783757805845
: 1
: CHF 0.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 255
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Langsam erhob sich Michail. Alle Knochen taten ihm weh. Das war fast jeden Morgen so. Die Böden auf denen er schlief waren eben nicht Leonids weiches Bett. Selten konnte man in einem Keller eine alte Matratze oder weiche Unterlage finden. Doch wenn, wurde diese Gelegenheit sofort genutzt. Am anderen Morgen musste man jedoch alles wieder so herrichten wie es zuvor war, damit niemand merkte, dass jemand da war. Du musst immer versuchen unauffällig zu bleiben, hämmerte ihm Ivan immer ein. Von ihm bekam er nützlich Ratschläge, wie man auf der Straße überleben konnte. In gewissem Sinne war das Leben auf der Straße wie ein Dschungel. Jeder Tag war ein Kampf ums Überleben für ihn und tausend andere. Am schwersten war es für die Straßenkinder und leicht für Niemanden. Die Passanten, wo Tag ein, Tag aus, an einem vorbei liefen wussten davon nichts. Sie konnten jede Nacht in ihr warmes Zuhause und in einem schönen, weichen Bett schlafen. Heute war Sonntag, also beschloss Michail seine Oma zu besuchen. Das machte er mindestens an zwei Sonntagen im Monat. Da der Friedhof im Osten lag, war eigentlich ein weiter Fußmarsch angesagt. Heute gab es jedoch zwei gute Gründe nicht zu Fuß zu gehen, sondern die U-Bahn zu nutzen. Es lag Schnee und er besaß etwas Geld. Ewig würde es nicht reichen, aber für die nächsten Wochen war gesorgt. Michail bückte sich und wieder konnte er jeden Knochen einzeln spüren. Griff nach seiner Mütze, welche immer noch auf dem Steinfußboden lag und ihm in der Nacht als Kopfkissen gediente hatte. Draußen war es sicher kalt. Noch ein kurzer Blick zurück. Zu verändern brauchte man nichts. Es war alles so wie er es angetroffen hatte. Draußen war ein Mann damit beschäftigt den Weg vom Schnee frei zu räumen. Es schneite immer noch oder schon wieder! Die ganze Straße, die parkenden Autos, die Dächer der Häuser, alles war von einem weißen Schneemantel eingehüllt. Die Autobesitzer würden nachher einiges zu tun bekommen um ihre Autos vom Schnee zu befreien. Michail konnte seinen Hauch sehen, während er die Straße überquert. Nur wenige Autos und Fußgänger begegneten ihm auf dem Weg zur nächsten U-Bahn Station. In der Station war ebenfalls nicht so viel los wie an normalen Werktagen. Er lief zuerst zu den Toiletten um sich zu rasieren und frisch zu machen. Nur wenige Menschen standen am Gleis. Er gesellte sich nun ebenfalls zu den wenigen, um auf die nächste Bahn zu warten. Was wohl Ivan gerade machte?

>>Heute haben wir keine gute Beute gemacht.<< ,stellte Vitali unzufrieden fest, als er nochmals das Geld zählte.>>Aber wir teilen immer alles, weißt du. Kennt ihr beiden euch schon lange?<<

>>Ein paar Tage.<<

>>Für ein paar Tage scheint ihr euch gut zu verstehen. Ivan ist ja sehr besorgt um dich.<< ,stellte der Anführer fest.

Michail wurde nachdenklich.>>Wir haben außer uns keinen Menschen mehr. Ivan war zuvor im Heim, weil seine Oma gestorben war. Meine Eltern leben zwar, aber für mich sind sie längst tot, ich habe sie längst begraben. Verstehst du das?<<

>>Ich versteh dich sehr gut, besser als du vielleicht denkst.<< Er zeigte auf den kleinen Jungen.>>So alt war ich, als ich das Leben auf der Straße kennen lernte.<< Anschließend zeigte Vitali zu seinen Leuten.>>Und das ist jetzt meine Familie. Wir haben auch nur uns, sonst niemanden. Jeden Tag kämpfen wir und mit jedem Tag verlieren wir ein bisschen mehr. Die meisten von uns werden eines Tages in einem Heim oder Gefängnis landen. Wenn wir uns gebessert haben, landen wir wieder auf der Straße, nur etwas älter. Die Straße wird irgendwann unser Grab sein, früher oder später. Wir haben keine Zukunft! Du siehst, ich mache mir nichts vor. Ich kenne das Leben!<<

>>Hast du denn keine Träume oder Wünsche?<<

Vitali lächelte wieder.>>Hast du denn welche?<<

>>Oh ja, die habe ich!<<

Der Anführer zog ein Päckchen Zigaretten aus seiner Hosentasche und zündete sich eine Zigarette an.>>Willst du eine?<<

>>Nein, ich habe Grippe!<<

Genüsslich nahm er einen Zug.>>Erzähl mir von deinen Wünschen und Träumen, Michail!<<

>>Ich bin bescheiden, mein größter Wunsch ist nie alleine zu sein. Was ich ja jetzt nicht mehr bin. Davor hab ich mich schon oft einsam gefühlt. Irgendwie hat Gott meinen Wunsch erhört und mir Ivan geschickt. Er ist ein kleiner, liebenswerter Kerl und man muss ihn einfach mögen, mit seiner einfachen Art. Mehr Wünsche habe ich nie gehabt.<< Anschließend erzählte er von seinen Träumen. Von der Stadt, wo alle Menschen nett zueinander waren, es keine Not und Armut gab und jeder ein Zuhause hatte.

>>Du meinst Shangri La!<<

>>Shangri La?<< Michail verstand nicht.

>>Ja, so nennt man besagte Stadt. Es gibt ein Buch darüber. Damit ich es gelesen habe, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.<<

>>Du liest?<<

>>Ich lese sehr viel. Fast jeden Morgen gehe ich zur Bücherei. Überrascht dich das jetzt?<<

Michail wusste jetzt nicht was er sagen sollte. Seine Frage war dumm, denn er ahnte schon vorher, dass dieser Vitali alles andere als ungebildet war.

Sein Gegenüber fuhr fort.>>Wenn man auf der Straße lebt, muss man nicht dumm sein. Die Gesellschaft meint das vielleicht, aber dem ist nicht so. Viele hier können nicht einmal lesen und schreiben, denn wenn man auf der Straße lebt, bleibt keine Zeit für die Schule, aber das weißt du ja. Aber hätte sie gute Eltern gehabt, wären einige hier irgendwann einmal Arzt oder Lehrer geworden. Das werden sie nun leider nicht mehr.<<

>>Wo hast du lesen gelernt?<< ,wollte Michail wissen.

>>Ein älterer Mann der ebenfalls auf der Straße war, hat es mir beigebracht. Er meinte es sei nie ein Fehler, wenn man lesen und schreiben könne. Heute weiß ich, wie recht er hatte.<<

Michail fand es interessant, sich mit diesem Vitali zu unterhalten, besser gesagt ihm zuzuhören. Dieser Mensch war klug und belesen. Was hätte Vitali wohl alles werden können, Schriftsteller, Professor, Lehrer.

>>Ich nehme an, du verdienst dein Geld nicht in dem du Leute ausraubst.<<

>>Nein, ich habe nie jemand überfallen oder ausgeraubt.<<

>> Das war mir klar. Ich merkte es an deinem Gesichtsausdruck, als ich erzählte, wie wir unser Geld verdienen. Gehe ich recht in der Annahme, dass du deinen Körper anbietest?<<

Michail erschrak. Wie kam er darauf? Jedenfalls war dieser Vital