: Sara Bangert
: Entgrenzte Ähnlichkeit im Milieu des Surrealismus Konturen, Vorgeschichte und Konjunktur eines ästhetischen Konzepts
: Walter de Gruyter GmbH& Co.KG
: 9783110767889
: Undisziplinierte BücherISSN
: 1
: CHF 79.90
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: Sprach- und Literaturwissenschaft
: German
: 947
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Ähnlichkeit ist ein zentrales, doch theoretisch oft marginalisiertes ästhetisch-epistemologisches Paradima, das Literatur-, Kunst- und Kulturwissenschaften aktuell vermehrt in den Blick nehmen. Wird sie dabei meist als epistemologisch vormodern eingeschätzt, so wurde auf eine moderne 'Ästhetik des Ähnlichen' (Funk et al., 2001) verwiesen.

Ausgehend von dem Befund, dass Ähnlichkeit gerade im Milieu des Surrealismus eine bemerkenswerte Konjunktur entfaltet, wird untersucht, wie sie in dessen transversaler Programmatik von rationalen, repräsentationalen und identitären Maßstäben freigesetzt wird. Anschließend an Überlegungen zu einer theoretischen Konturierung der Ähnlichkeit werden die Vorgeschichte der modernen Ästhetik und Epistemologie des Ähnlichen skizziert und konzeptuelle Dimensionen der Ähnlichkeitskonzepte Metapher, Metamorphose, Simulacrum und Mimikry erarbeitet. Im zweiten Teil wird deren 'entgrenzter' Einsatz in Texten und Bildern André Bretons, Max Ernsts, René Magrittes und Roger Caillois' aufgezeigt.

Die Studie bietet einen Überblick über Ähnlichkeitsreflexionen seit der Antike und versteht sich als Teil der Forschungsbemühungen um eine Re-Evaluierung der Ähnlichkeit und ihrer Persistenz in der ästhetischen Moderne.

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Dr. Sara Marie Bangert, Universität Tübingen.

Einleitung


Das Denken in Ähnlichkeiten ist alles andere als genuin modern, sondern wird oft als vormodern und als modern nicht erkenntnisfähig qualifiziert. Obwohl sie seit der Antike als fundamental für Erkenntnis und ästhetisches Handeln konzipiert wird, ist der Ähnlichkeit nicht nur die Philosophie überwiegend „ausgewichen“1, auch die Literatur-, Kunst- und Kulturwissenschaften haben sie „weitgehend umschifft oder marginalisiert“2 oder „das Konzept als heikel apostrophiert und eine eingehende Beschäftigung damit als aporetisches Unterfangen ausgeklammert.“3 Als „topic that has been important in the history of aesthetics but that has been marginalized by various critiques of it since the 1960s4 verdient Ähnlichkeit jedoch eine Neubewertung: Dem Befund folgend, dass sie in der ästhetischen Moderne eine bemerkenswerte Produktivität entfaltet, wird hier Ähnlichkeit als zentrales ästhetisch-epistemologisches (Meta-)Konzept im Milieu des Surrealismus untersucht. Dabei mag die These einer modernen ‚Konjunktur‘ der Ähnlichkeit zunächst überraschen, denn sie scheint, ausgetrieben aus der philosophischen Erkenntnistheorie, der wissenschaftlichen Theoriebildung und künstlerischen Mimesiskonzepten und verdrängt durch die Repräsentationskritik und das Paradigma der Differenz, in der Moderne vielfach totgesagt. Demgegenüber argumentieren diese Überlegungen im Einklang mit einer Reihe aktueller Forschungsarbeiten für die „Persistenz“5 der Ähnlichkeit als ästhetisch-epistemologisches Paradigma. Dafür konturieren sie im ersten Teil Ähnlichkeit als epistemologischen und ästhetischen Grundbegriff, rekonstruieren Quellen der Ähnlichkeitsreflexion und die Vorgeschichte der modernen „Ästhetik des Ähnlichen“6 und erarbeiten konzeptuelle Zugänge zu den im zweiten Teil analysierten surrealistischen Ähnlichkeitskonzepten. Dieses mehrschrittige Vorgehen zielt nicht nur auf eine angemessen komplexe Perspektivierung der surrealistischen Ästhetik und Epistemologie des Ähnlichen, sondern zugleich auf eine theoretische Reevaluierung der Ähnlichkeit.

Entgegen dem vermeintlichen Abschied der Moderne von der Ähnlichkeit zeigt eine genauere Betrachtung, dass sie als ein grundlegendes Phänomen der „ästhetische[n] Erfahrung“7, der Wahrnehmung, des Denkens, der Imagination, der Erinnerung, des (Wieder-)Erkennens, der Mimesis, der Sprache und der „Bildgebung“8 so wenig auszutreiben wie theoretisch zu bewältigen ist: Ähnlichkeiten zu erkennen und zu bilden ist als Grundoperation menschlichen In-der-Welt-Seins und „Grundkategorie menschlichen Denkens sowie der Wirklichkeitserfassung“9 so basal wie die Fähigkeit zur Unterscheidung. Das phänomenale Kontinuum der Welt wird nicht nur durch das differenzierende,10 sondern, wie bereits Platon und Aristoteles betonen, ebenso durch das Ähnlichkeiten (er-)findende Denken strukturiert. „Es ist eine philosophische Binsenweisheit, dass der Begriff der ‚Ähnlichkeit‘der zentrale Begriff ist, um die Einheit der menschlichen Erfahrung zu garantieren, er wird als solcher niemals geleugnet.“11 Dennoch genießt Ähnlichkeit weit geringere theoretische Aufmerksamkeit als die LeitbegriffeIdentität undDifferenz. „Wer vom Ähnlichen spricht, weiß offenbar nichts Genaues“12, so das Vorurteil, und begnüge sich mit einer „