: Michael Richter
: Bayern in der Friedlichen Revolution 1989/90
: Books on Demand
: 9783757866822
: 1
: CHF 8.70
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: Geschichte
: German
: 600
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nach einer ausführlichen Studie über die Bildung des Freistaates Sachsen in den Jahren 1989/90 legt der Autor erstmals die Geschichte eines westdeutschen Flächenlandes in der Friedlichen Revolution vor. Dabei wird die Föderalisierung als Teil der Friedlichen Revolution verstanden. Bayern spielte in mehrfacher Hinsicht eine Sonderrolle. Der Freistaat sah sich als Drehkreuz von Massenflucht und Übersiedlung über Ungarn und Prag mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Nach der Grenzöffnung Mitte November 1989 erlebte Franken einen Massenansturm von Besuchern aus der DDR. Überall entlang der innerdeutschen Grenze feierten Menschen ihr Wiedersehen. Bayern war aber nicht nur ein Akteur des Prozesses, sondern selbst betroffen. So brachte das Ende der Zonenrandlage Franken und der Oberpfalz wichtige wirtschaftliche und touristische Impulse. Bewohner von beiderseits der innerdeutschen Grenze ließen ihre fränkische Verbundenheit wiederaufleben. Bayern halfen Thüringen und Sachsen passfähig für das bundesdeutsche föderale System zu machen. Politiker und Beamte beteiligten sich am Aufbau von Judikative, Exekutive und Legislative. Dabei agierte Bayern in Rivalität und Kooperation mit Baden-Württemberg. Von der Bundesregierung forderte der Freistaat eine Beteiligung der Bundesländer an den Verhandlungen über die staatliche Einheit mit der DDR. Bayerische Parteien beteiligten sich als Akteure der Revolution an Demonstrationen und Wahlkämpfen in der DDR. Dabei wurde die bayerische CSU mit der Gründung von CSU-Verbänden in Thüringen und Sachsen konfrontiert. Diese sorgten für eine Wiederbelebung der von Franz Josef Strauß 1976 in Wildbad Kreuth angeregten Diskussion über eine bundesweite Expansion der CSU. Jetzt ging es jedoch sowohl um eine CSU-Ausweitung sowohl in der DDR als auch im vereinten Deutschland. Unter dem Druck Helmut Kohls entschied sich die CSU jedoch für ihre Erhaltung als bayerische Regionalpartei und gegen eine Unterstützung von CSU-Verbänden in der DDR. Stattdessen forcierte man in München die Bildung einer DSU als kleiner Schwesterpartei der CSU. Diese behinderte die bayerische CSU jedoch bei ihren Kontakten zu neuen politischen Kräften in der DDR und hatte keine Aussicht, auf der politischen Bühne des vereinten Deutschlands zu bestehen.

Michael Richter, geb. 1952 in Berlin, Historiker und Theologe, 1989 Promotion zum Dr. phil. in Bonn. Zahlreiche Publikationen zur deutschen Zeitgeschichte. Zuletzt erschienen"Die Oberlausitz im Zweiten Weltkrieg. Studie zu den wendisch-deutschen Kreisen in Sachsen und Niederschlesien" 1936-1946, 2 Bände, 1 350 Seiten (Schriften des Sorbischen Instituts 68), Bautzen, 2. Auflage 2022, sowie"Der zufällige Mensch. Wundersame Wege von Urknall zum Ich", 505 Seiten, Norderstedt 2021.

Das ist unsere Revolution.

Bundesminister Hans Klein (CSU) im Hofer Anzeiger/Frankenpost vom 18./19.11.1989.

1. Einleitung


Historische Hintergründe und die Bedeutung der deutschen Staatsbürgerschaft


Bayern München und der Beginn der Friedlichen Revolution


Im Frühsommer 1989 bewegte ein Ereignis den Freistaat Bayern. Am 25. Mai spielte der FC Bayern München gegen den 1. FC Köln. Das Bundesliga-Finalspiel blieb spannend bis zum Abpfiff. Zunächst brachte Torschützenkönig Roland Wohlfahrt die Bayern in Führung; nach einem Ausgleichstor des Kölners Thomas Allofs schoss Wohlfarth kurz vor Spielende zwei weitere Tore und sicherte den Bayern den Titel Deutscher Meister . Aber auch jenseits des Weißwurstäquators verfolgten Franken, Thüringer, Sachsen und andere Bayern-Fans das Spiel im Fernsehen. Noch ahnte niemand, dass binnen weniger Monate eine Revolution den Fall der innerdeutschen Grenze und die Wiedervereinigung Deutschlands zur Folge haben würde. Ebenso wenig war vorstellbar, dass am 8. Juli 1990, eine Woche nach der Währungsunion, Deutschland im Endspiel gegen Argentinien Fußballweltmeister werden würde. Noch trat die deutsche Nationalmannschaft ohne Spieler aus der DDR an, aber sie spielte bereits für alle Deutschen. Eine eigene DDR-Mannschaft gab es drei Monate vor der Widervereinigung nicht mehr. Aber die Fans in der DDR jubelten über den Triumpf der deutschen Mannschaft ebenso, wie sie sich über den Sieg von Bayern München im Mai 1989 gefreut hatten.

Heute denken die meisten bei friedlicher Revolution an die Demonstrationen in Leipzig, Dresden und Ost-Berlin, an die Runden Tische, die Politik von Bundeskanzler Helmut Kohl oder an die Perestroika- und Glasnost-Politik des sowjetischen Staatspräsidenten Michail S. Gorbatschow. Schon die Massenflucht aus der DDR infolge des morbiden SED-Regimes wird in ihre Auswirkungen auf das Geschehen weinig hinterfragt. Noch kaum thematisiert wurde bislang die Rolle der Bundesländer im Prozess der deutschen Einheit auf der Grundlage des Föderalismus.1 Dabei bietet die Perspektive eines Bundeslandes wie Bayern viele neue Einsichten. Sie zeigt, welchen unterschiedlichen Einfluss die Bundesländer auf die Entwicklung hatten und welchen Auswirkungen sie selbst ausgesetzt waren. Tatsächlich gab es zwischen den Bundesländern samt West-Berlin teils gravierende Unterschiede, wie das Bespiel Bayerns zeigt. Die Untersuchung eines Bundeslandes eröffnet zugleich die Möglichkeit, die Länder analog zu betrachten und dem Wirken des Föderalismus auf die Spur zu kommen. Schon das Wirken Bayerns und Baden-Württembergs, aber auch die Auswirkungen der Entwicklung in der DDR auf diese süddeutschen Nachbarländer, zeigt gravierende Unterschiede. Bisher zeigte vor allem der Dualismus von Bund und Ländern, wie unterschiedlich der Politiken waren. Überlagert wurden