Das ist unsere Revolution.
Bundesminister Hans Klein (CSU) im Hofer Anzeiger/Frankenpost vom 18./19.11.1989.
1. Einleitung
Historische Hintergründe und die Bedeutung der deutschen Staatsbürgerschaft
Bayern München und der Beginn der Friedlichen Revolution
Im Frühsommer 1989 bewegte ein Ereignis den Freistaat Bayern. Am 25. Mai spielte der FC Bayern München gegen den 1. FC Köln. Das Bundesliga-Finalspiel blieb spannend bis zum Abpfiff. Zunächst brachte Torschützenkönig Roland Wohlfahrt die Bayern in Führung; nach einem Ausgleichstor des Kölners Thomas Allofs schoss Wohlfarth kurz vor Spielende zwei weitere Tore und sicherte den Bayern den Titel Deutscher Meister . Aber auch jenseits des Weißwurstäquators verfolgten Franken, Thüringer, Sachsen und andere Bayern-Fans das Spiel im Fernsehen. Noch ahnte niemand, dass binnen weniger Monate eine Revolution den Fall der innerdeutschen Grenze und die Wiedervereinigung Deutschlands zur Folge haben würde. Ebenso wenig war vorstellbar, dass am 8. Juli 1990, eine Woche nach der Währungsunion, Deutschland im Endspiel gegen Argentinien Fußballweltmeister werden würde. Noch trat die deutsche Nationalmannschaft ohne Spieler aus der DDR an, aber sie spielte bereits für alle Deutschen. Eine eigene DDR-Mannschaft gab es drei Monate vor der Widervereinigung nicht mehr. Aber die Fans in der DDR jubelten über den Triumpf der deutschen Mannschaft ebenso, wie sie sich über den Sieg von Bayern München im Mai 1989 gefreut hatten.
Heute denken die meisten bei friedlicher Revolution an die Demonstrationen in Leipzig, Dresden und Ost-Berlin, an die Runden Tische, die Politik von Bundeskanzler Helmut Kohl oder an die Perestroika- und Glasnost-Politik des sowjetischen Staatspräsidenten Michail S. Gorbatschow. Schon die Massenflucht aus der DDR infolge des morbiden SED-Regimes wird in ihre Auswirkungen auf das Geschehen weinig hinterfragt. Noch kaum thematisiert wurde bislang die Rolle der Bundesländer im Prozess der deutschen Einheit auf der Grundlage des Föderalismus.1 Dabei bietet die Perspektive eines Bundeslandes wie Bayern viele neue Einsichten. Sie zeigt, welchen unterschiedlichen Einfluss die Bundesländer auf die Entwicklung hatten und welchen Auswirkungen sie selbst ausgesetzt waren. Tatsächlich gab es zwischen den Bundesländern samt West-Berlin teils gravierende Unterschiede, wie das Bespiel Bayerns zeigt. Die Untersuchung eines Bundeslandes eröffnet zugleich die Möglichkeit, die Länder analog zu betrachten und dem Wirken des Föderalismus auf die Spur zu kommen. Schon das Wirken Bayerns und Baden-Württembergs, aber auch die Auswirkungen der Entwicklung in der DDR auf diese süddeutschen Nachbarländer, zeigt gravierende Unterschiede. Bisher zeigte vor allem der Dualismus von Bund und Ländern, wie unterschiedlich der Politiken waren. Überlagert wurden