: Petra Gabriel
: Madame Codman und die traurige Gräfin Roman
: Gmeiner-Verlag
: 9783839277508
: Olga von Leonowa
: 1
: CHF 13.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 293
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sie wird geliebt und verraten, bewundert, gehasst, verfolgt, als feindliche Agentin verhaftet, bedroht und erpresst: Als die reiche Russin Olga von Leonowa 1910 in eine Villa hoch über dem Rhein in die badische Kleinstadt zieht, munkeln die Laufenburger, sie sei eine russische Prinzessin. Angeblich soll sie eine Freundin der mindestens ebenso reichen Amerikanerin Mary Codman sein. Doch niemand weiß, wer sie wirklich ist. Olga von Leonowa spielt ihr eigenes Spiel - und bewahrt ihr schreckliches Geheimnis bis zuletzt.

Petra Gabriel, geboren in Stuttgart, Spross einer rheinisch-schwäbischen Verbindung mit schlesischen Elementen, ist in Friedrichshafen aufgewachsen und über Irland, München und Norddeutschland schließlich im südbadischen Laufenburg angekommen. Sie ist ausgebildete Übersetzerin sowie Hotelkauffrau und war nach dem Volontariat rund 15 Jahre lang Redakteurin des SÜDKURIER Konstanz. Seit 2004 ist sie freischaffende Autorin und lebt seit 2006 zudem zeitweise in Berlin. Sie ist Mitglied im Schriftstellerverband VS Berlin. Petra Gabriel schreibt neben historischen Romanen auch Krimis. Zuletzt ist im Gmeiner Verlag die Biografie 'Madame kam aus Amerika' erschienen. Mehr Informationen zur Autorin unter: www.petra-gabriel.de

Kapitel 1


In diesem Sommer des Jahres 1884 flirrt die Hitze über dem Horizont, der sich glasig mit dem Schwarzen Meer vereint. Das mächtige Dampfschiff der Russischen Handelsgesellschaft im Hafen von Odessa ist zum Ablegen bereit. Olga kann von ihrem Fenster aus die Kommandos der Offiziere hören. Matrosen spurten übers Deck. Der Ozean, fast unbewegt, fängt die Sonnenstrahlen und wirft sie als Glitzern zurück. Die schweren Kessel im Bauch des Überseegiganten sind angefeuert. Das kann sie an der dunklen Fahne erkennen, die sich aus dem hoch aufgereckten Schornstein in den blauen Himmel windet und dann auflöst. Olga schaut dem mäandernden Rauch nach, der sich in der Weite verliert, und wird von Sehnsucht überflutet. Bald. Bald. Nur noch eine halbe Stunde, und sie ist frei. Doch ehe sie frei sein kann, muss sie hier heraus, fort aus diesem großen Haus hoch über dem Hafen, einen Weg finden, ungesehen zu verschwinden.

Olga weiß, dass es keine Rückkehr mehr gibt, wenn sie mit ihm geht. Sie wird den Gutshof ihrer Kindheit etwas außerhalb von Moskau und ihren Lieblingsort, die Datscha der Familie nahe Sankt Petersburg, nicht wiedersehen. Das komfortable zweistöckige Holzhaus mit den großzügigen Empfangs- und Wohnräumen, vor allem aber die Bibliothek fehlen ihr schon jetzt. Dem Sommerhaus in Odessa, in dem die Familie gerade lebt, hat sie – außer den Blick auf den Hafen – nie viel abgewinnen können. Nur in der Datscha in Sankt Petersburg gab es die wunderbare Welt der Bücher. Schon der Anblick der Buchrücken, einer neben dem anderen, in den raumhohen Regalen, versprach Wunder und neue Welten. Die Grenze zwischen Sein und Schein, zwischen Wirklichkeit und Traum war in dieser Bibliothek aufgehoben, hatten ihr Freunde wie Puschkin und Tolstoi beschert. Aber auch ausländische Romane standen dort, alphabetisch sortiert.

Die Eltern hatten vergeblich versucht, sie vom Lesen abzuhalten, denn einige diese Bücher waren von der Zensur verboten. Des Vaters konservative Beamtenkollegen wären schockiert gewesen, hätten sie gewusst, welche Literatur dort stand. Am liebsten war ihr Harriet Beecher Stowes Onkel Toms Hütte, die Geschichte eines amerikanischen Sklaven.

Sklaven. Damals war sie zwar noch sehr klein gewesen, aber sie erinnerte sich noch genau, wie der Vater getobt hatte, als der Zar die Leibeigenschaft aufhob. Die meisten Dienstboten hatten jedoch auf dem Landgut bei Moskau ausgeharrt. Es war ihr Zuhause. Sie hatten kein anderes. Zu den Menschen, die für ihn arbeiteten, den Bauern, die zu seinem Besitz gehörten, war Graf Vassilij, der janusköpfige, nachsichtiger und freundlicher als zu seinen Kindern. Gute Landarbeiter waren selten, Land vermehrte sich nicht, Kinder konnte man nachmachen. Viele starben sowieso in den ersten Jahren nach der Geburt.

Wie oft war Olga vor ihrem Vater in den Garten der Datscha mit seinen Apfel-, Pflaumen- und Kirschbäumen geflüchtet. Das war ihr zweites Reich. Am schönsten fand sie es dort, wenn der Flieder blühte. In dieser Zeit hüllte ein verheißungsvoller Duft die Gegend ein, der ihr geheime Botschaften brachte. Du kannst alles, die Welt ist bereit für dich, versprach dieser Duft.

Dann der Fluss, die Newa. An ihrem Ufer fühlte sie sich niemals einsam. »Du bist wie ein schrecklicher Kobold. Benimm dich wie ein Mädchen, nur Jungen steigen auf Bäume«, schalt die Mutter, wenn sie wieder einmal mit schmutzigen oder zerrissenen Röcken von ihren ausgedehnten Streifzügen zurückkam, während