Im Wohnzimmer der frisch renovierten Altbauwohnung sang Udo Jürgens auf dem Bildschirm eines für die alte Schwarz-Weiß-Aufnahme viel zu großen Flachbildfernseher. Weil es Andreas' Lieblingslied war, hatte er den Ton des Fernsehers bis zur maximalen Lautstärke aufgedreht. Rechtzeitig, noch bevor sein musikalischer Held den nächsten Refrain anstimmen konnte, glitt Andreas in seinen weißen Socken auf dem Parkettboden vor die Couch und begann mitzusingen. Der 35-Jährige trug eine Jeanshose, die ihm zu lang, zu breit und zu locker war, sodass seine Simpsons-Boxershorts keck hervorblitzten. Er tanzte, und bei jedem Hüftschwung rutschte die gürtellose Hose ein Stückchen tiefer. In seiner rechten Hand hielt er eine leere Bierflasche, die ihm als improvisiertes Mikrofon diente. Mehrmals schob er sich die Brille seinen Nasenrücken entlang nach oben, um sie wieder in ihrer angestammten Position zu fixieren, und fuhr sich mit der Hand durch sein kurzes Haar. In seiner Vorstellung war er selbst sein großes Idol Udo Jürgens, der vor einem großen Publikum sang und dem die Frauen in der ersten Reihe freche Dinge zuriefen. Und vielleicht verirrte sich ja hin und wieder ein BH auf seine Bühne. Andreas sang, tanzte, hüpfte herum und warf sich auf die Knie, als das Lied zu Ende war. Der große Moment, sein Auftritt, war vorbei und er musste sich wieder einmal der nicht so schillernden Realität stellen.
Erschöpft ging er zum Sofa und l