: Jens Becker
: Das Drehbuch-Tool Charaktere und Struktur gestalten mit dem Enneagramm
: Master School Drehbuch E.K.
: 9783946930082
: 1
: CHF 14.20
:
: Fotografie, Film, Video, TV
: German
: 176
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Enneagramm beschreibt neun verschiedene Charakterprofile und leitet daraus eine Vielzahl von Beziehungskonstellationen und Persönlichkeiten ab. Jens Becker erschließt die legendäre Typenlehre aus der Antike für die Drehbuchschreibenden von heute. Er entdeckt sie neu als Instrument zur Entwicklung dynamischer Stoffe und Figuren. In seine Überlegungen zum Enneagramm fließen Erkenntnisse aus Psychologie und Soziologie mit ein. Jens Beckers Drehbuch-Tool hilft, glaubhafte Charaktere und Ensembles zu entwerfen. Darüber hinaus enthält es ein eigenes Strukturmodell, mit dem fesselnde und bewegende Handlungsstränge entwickelt werden können. Wenn Sie den nächsten Schritt Ihrer Figuren nicht kennen, wenn Ihr Plot zu spannungsarm ist, wenn es Ihren Charakteren noch an Tiefe mangelt, wird Ihnen dieses Buch den Weg weisen. Jens Becker bereitet das Enneagramm für alle auf, die Drehbücher schreiben oder die an einem Roman, einer Erzählung oder einem Theaterstück arbeiten. Im Buch finden Sie außerdem den Zugang zu einer Website mit zahlreichen Vertiefungen und einigen szenischen Beispielen.

Jens Becker wurde 1963 in Berlin geboren. Er lebt in Mecklenburg-Vorpommern. Von 1984-1992 studierte er Filmregie an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Seitdem drehte und schrieb er über 70 Spielfilme, Dokumentarfilme, Dokudramen, Drehbücher und Sachbücher, unter anderem Adamski, Tatort, Henker - Der Tod hat ein Gesicht, Krieg in der Arktis, Nellys Abenteuer, Erich Mielke - Meister der Angst und 1918. Aufstand der Matrosen. Außerdem arbeitet er als Dramaturg und Script Consultant für Filme und Serien. Wichtige Auszeichnungen: Preis der Jury beim Max-Ophüls-Preis 1994, Förderpreis Kunstpreis Berlin der Akademie der Künste 1994, Journalis- tenpreis Thüringen 2003, Grimme-Preis 2011, Gryphon Award Giffoni 2016. Er ist Mitglied im Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) und im Verband für Film- und Fernsehdramaturgie (VeDRA). 1993-1994 war er Meisterschüler an der Akademie der Künste Berlin bei Wim Wenders. Von 2004 bis heute unterrichtet er als Professor für Drehbuch an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.

VORFILM


Dieses Kapitel erzählt nichts über Figuren, aber viel über die Natur
des Menschen. Wenn Sie zu ungeduldig sind, können Sie den Vorfilm
auch überspringen. Sie werden den Hauptfilm trotzdem verstehen.
Aber vielleicht verpassen Sie etwas!

Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Sie kennen diese alte Weisheit vielleicht. Auf unser Thema bezogen bedeutet sie, bevor wir uns tiefer mit Figuren befassen können, sollten wir uns mit der Natur des Menschen beschäftigen. Denn Figuren bilden doch Menschen ab, oder?

1. MENSCH UND FIGUR


Wir müssen immer klar unterscheiden zwischen Menschen und Figuren. Während Menschen von unendlich vielen Einflüssen geprägt sind, sehr vielfältig handeln können und kompliziert strukturiert sind, verhält sich das bei Figuren völlig anders. Sie können niemals so komplex wie Menschen sein, sondern täuschen das nur vor. Wir erliegen nur zu gern der Illusion, dass die Figuren auf der Leinwand oder dem Bildschirm echte Menschen seien, denn diese Verabredung zwischen Filmschöpfern und Zuschauern ist ein wesentlicher Aspekt des Mediums.

Wenn wir das nicht genau wüssten, dann könnten wir die Filme vielleicht nicht ertragen, wenn sie besonders grausam sind oder wenn die Figuren an ihre Grenzen geführt werden. Wir sehen ihnen beim Stolpern, beim Scheitern und wieder Aufstehen zu. Wir leiden und freuen uns mit ihnen, weil wir anhand unserer eigenen Lebenserfahrungen ermessen, welche Intensität, Fallhöhe und Konsequenzen der Konflikt hat, den wir in der Story gerade miterleben dürfen.

Für diesen spezifischen Moment der Identifikation zwischen Zuschauer und Figur hat Aristoteles in seinem Grundlagenwerk POETIK den Begriff Katharsis geprägt. Die Katharsis möge der seelischen Reinigung dienen, so Aristoteles, indem wir auf ungefährliche Weise Jammer und Schmerz durchleben. Gotthold Ephraim Lessing hat in seiner HAMBURGISCHEN DRAMATURGIE von Mitleid und Furcht gesprochen, die den Zuschauer moralisch bessern solle. Warum funktioniert dieses System so gut, jahrtausendelang? Weil wir im Theater, im Spielfilm, in der Serie im weitesten Sinne immer über uns erzählen, über uns Menschen.

Wir durchleben unsere Ängste, unsere Abgründe, unsere Hoffnungen wie in einem Spiegel.

Ein moderner Erneuerer der Dramaturgie jedoch, Bertolt Brecht, hielt nicht viel von Einfühlung. Er verachtete die Katharsis und wollte stärker das Denken der Zuschauer herausfordern. Dafür fand er ein radikales Mittel – das Heraustreten des Schauspielers aus seiner Rolle mittels Durchbrechen der vierten Wand, der zum Zuschauer