II.
„Ich bin Jesuaner“
1. Was hat Jesus wirklich gesagt?
Nach meinen Jesus-Vorträgen werde ich oft gefragt: „Sind Sie eigentlich katholisch oder evangelisch?“ Wenn ich dann sage: „Ich bin Jesuaner“, erlebe ich ungläubiges Staunen. Zur Begründung füge ich hinzu: „Der wunderbare junge Mann aus Nazareth ist mein Vorbild, nicht das, was Theologen 2000 Jahre lang aus ihm gemacht haben. Die wirkliche Reformation kommt weder aus Wittenberg noch aus Rom, sondern aus Nazareth.“ Das eigentliche Problem der christlichen Kirchen ist ihre Jesus-Vergessenheit. Sie sind Christus-versessen und Jesus-vergessen. Das hat wesentlich zu ihren Perversionen geführt. Der Soziologe Anton Mayer bemerkte schon vor Jahrzehnten in seinem BuchDer zensierte Jesus. Soziologie des Neuen Testaments: „Die Evangelisten gebrauchen ‚Jesus‘ zehnmal häufiger als Christus, im ältesten Evangelium (Markus) erhöht sich dieser Unterschied auf 98 Prozent. Bei Paulus kehren sich diese Verhältnisse um. Er sagt Christus häufiger als Jesus und erreicht dabei mehr als 70 Prozent des gesamtneutestamentlichen Gebrauchs.“1 Deshalb haben wir heute eher ein Paulustum als ein Jesustum. Paulus hat eine „Theologie der Obrigkeit“ gepredigt. Er schreibt im berühmt-berüchtigten Römerbrief: „Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott: die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen.“(Röm 13,1–2)
„Gehorsam“ ist eines der paulinischen Schlüsselwörter, sogar Gehorsam gegenüber Sklavenhaltern: „Ihr Sklaven, gehorcht den irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus.“ (Eph 6,5). Die Paulus-Lehre nimmt im Neuen Testament einen größeren Raum ein als die Jesus-Botschaft. Wir Deutschen haben diese Gehorsamsideologie des Paulus besonders verinnerlicht. Wir wurden – nicht nur unter den Nazis – geradezu ein „Volk der Gehorsamen“, bis hin zur Ausrede „Befehl ist Befehl“ bei den Massenmorden in beiden Weltkriegen. Der Theologieprofessor und evangelische Bischof Martin Dibelius lobt als echter Paulus-Schüler noch im Stalingrad-Jahr 1942 die „christliche Loyalität“ gegenüber dem Nazi-Staat als politische Tugend.
Diese Jesus-Vergessenheit hat die Friedenstheologie Jesu in der Bergpredigt verdrängt. An ihre Stelle traten „Heilige Kriege“, Kreuzzüge, „Gott mit uns“-Phrasen und „christliche Milizen“ oder – bei den Nazis – sogar die „SA Jesu Christi“. Kein Wunder, dass in den 2000 Jahren Christentum zehntausende Theologen in den Dienst der politischen Machthaber traten. Dazu Anton Mayer: „In der Weltkriegstheologie waren die Deutschen führend.“2 In dieser grausigen Kriegstheologie waren selbst die Nazis „Werkzeuge der Vorsehung“. Sogar Martin Luther in Wittenberg hat den Ungehorsam gegen die Obrigkeit als größere Sünde gewertet als den Totschlag der Bauern während der Bauernaufstände im 16. Jahrhundert. Und Johannes Calvin in Genf forderte selbst g