Kapitel 1
Franz Winkler
Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich …
Wie sehr hat ihn dieser Psalm stets bewegt? Welch kraftvolles Quantum Vertrauen hat er ihm zu seinem Urvertrauen hinzugefügt? Es war im Jahr 1909, und er war gerade einmal sechsundzwanzig Jahre alt. Als Kaplan hatte er eines Tages seinen Pfarrer, Isidor Reiter, in das k. k. Kriminalgerichtsgebäude begleitet, welches sich zu dieser Zeit gerade im Umbau befand. Reiter besuchte einen Insassen, der in Winklers Kindheit Nachbar im väterlichen Heimatort Altlengbach gewesen war. Joseph Stocker saß wegen Diebstahls ein und hatte den Wunsch geäußert, die Beichte nur bei Reiter ablegen zu dürfen.
So gelangte Franz Winkler in das Innere eines gewaltigen Gebäudekomplexes, den die meisten Menschen wohl niemals von drinnen kennenlernen wollen. Als er an diesem 23. Juli 1909 durch den imposanten Eingang schritt, der an den Palazzo Pitti in Florenz erinnerte, wäre er nie aufden Gedanken gekommen, dass er an diesem ungeliebten Ort den Großteil seines Lebens verbringen würde.
Während der junge Kaplan geduldig im Gang vor dem Zellentrakt auf und ab ging, sprach ihn von hinten kommend ein alter Herr im Talar an: Gelobt sei Jesus Christus! Noch konnte Franz Winkler nicht sehen, wer hinter ihm gesprochen hatte. Im Umdrehen antwortete er pflichtgemäß: In Ewigkeit, Amen!
Winklers Gegenüber stellte sich ihm als Anstaltsseelsorg