: Wladimir Kaminer
: Frühstück am Rande der Apokalypse
: Goldmann Verlag
: 9783641303990
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Was haben Familienalltag und Weltuntergang, globale Krisen und Mutters Kreuzworträtsel, Putin und Pilzsaison gemeinsam? Sie existieren gleichzeitig und schaffen damit eine Normalität, die vielen nicht ganz normal erscheint. Und doch haben wir uns irgendwie darin eingerichtet. Tatsächlich war die Sorge, der Himmel könne uns auf den Kopf fallen, hierzulande schon immer weit verbreitet. Dabei liegen die Herausforderungen des Lebens oft in der Suche nach dem Ladekabel oder einem Tenor mit neun Buchstaben. Ein Glück, dass es einen Chronisten gibt, der diese eigenartige Situation mit Humor beschreibt und mit unbeirrbarem Optimismus zu verstehen versucht ...

Wladimir Kaminerwurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Mit seiner Erzählsammlung »Russendisko« sowie zahlreichen weiteren Bestsellern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands.

100 Sekunden vor dem Weltuntergang
Der Urlaub versaut


Die meisten Menschen in meiner Umgebung tragen Brillen, und sie teilen sich in Optimisten und Pessimisten. Die weitsichtigen Optimisten schauen gern in die Ferne. Sie glauben, dass die Welt sich unaufhaltsam verbessert, egal was passiert. Alles, was mit uns geschieht, ist ein Fortschritt. Mit jedem neuen Krieg, mit jeder Revolution oder jedem Aufstand erobert sich die Menschheit ein bisschen mehr Freiheit, mit jedem neuen Job entsteht mehr Wohlstand, und jeder Verlust schenkt einem zum Ausgleich ein Stück Weisheit und Gelassenheit.

Die anderen, die kurzsichtigen Pessimisten, sehen die Menschheit auf dem absteigenden Ast und die Vernunft als zur Neige gehende Requisite. In ihren Augen schwebt die Menschheit ständig über einem Abgrund. Sie balanciert auf einem dünnen Seil, gestrickt aus Eitelkeit und Neid – unmöglich, darauf die Balance zu halten. Jeder Versuch, das Zusammenleben einigermaßen vernünftig zu organisieren, ist vergeblich, jedes neue Projekt zum Scheitern verurteilt, und jeder neue Tag auf dem Planeten ist ein Geschenk, das wir nicht verdient haben. Diese Menschen tragen die Weltuntergangsuhr quasi am Handgelenk.

Ich bin der Meinung, wir tun es unserem Planeten nach: Wir drehen uns im Kreis. Dadurch ist es mal kalt und stockfinster, mal heiß und hell. Wir sind Pflanzen mit Beinen, auch unser Lebenslauf wird von den Jahreszeiten geregelt, zumindest bei Menschen in meinem Beruf. Die Rhododendren blühen im Mai, die Chrysanthemen im September, und die Bühnenkünstler tragen ihre Blüten im Winter auf die Bühnen. Traditionell sind die Wintermonate für Künstler die Hauptblütezeit. An zweiter Stelle kommt der Sommer, denn der ist in Deutschland immer ein »Kultursommer«. Doch am liebsten gehen die Menschen zu Lesungen und in Konzerte, wenn es draußen dunkel und kalt ist. Deswegen war ich die letzten Jahre im Dezember und Januar pausenlos unterwegs und machte dann im Februar reichlich Urlaub, am liebsten dort, wo es warm war.

Die Nachricht vom Krieg hat uns daher in Las Palmas, der Hauptstadt von Gran Canaria, erreicht. Die russische Armee war über die ukrainische Grenze marschiert, und die Bevölkerung Russlands stand angeblich geschlossen hinter ihrer Führung. Sie begrüßte die »Spezialoperation«, wie der russische Präsident seinen Krieg nannte. In einer einstündigen Fernsehansprache versuchte er, die Gründe für den Einmarsch und seine Ziele zu formulieren.

»Der Krieg des Westens gegen Russland und die Sanktionen waren unvermeidlich. Um meine Entscheidung zu erklären, muss ich weit ausholen, in die Geschichte unserer Heimat«, begann er seine Ansprache. Menschen, die ihn kannten, wussten, dass das kein gutes Zeichen war. Wenn der Präsident ausholen muss, bedeutet das, dass er selbst von seiner Entscheidung überrascht ist. Er sorge sich um die Ausdehnung der NATO, wolle mehr Anerkennung für die russische Welt auf dem Planeten, mehr Autorität für sein Land in Europa erreichen und außerdem die russische Sprache in der Ukraine und die russischsprachigen Bewohner in der Ostukra