Kapitel 1
Aus dem Wagenfenster hing ein Arm. Als hätte der Fahrer während einer sommerlichen Spritztour die Scheibe heruntergekurbelt, um den Fahrtwind zu spüren. Aber der Krankenwagen kam direkt hinter meinem Taxi, als wir das Fahrzeug passierten. Ich reckte neugierig den Hals. Bereute es aber sofort. An dem zersprungenen Sicherheitsglas klebte überall Blut wie über geraspeltes Eis gegossener Sirup.
Der Anblick ging mir nicht mehr aus dem Kopf, aber schließlich gab es auch kaum eine andere Ablenkung, nachdem ich an Bord der Fähre gegangen war. Himmel und Meer reflektierten ein tristes Licht vom Farbton der grauen Schiffslackierung. Der Horizont wurde nur von den kleinen Zacken der Küstenlinie unterbrochen. Ohne das Grün des Sommers und die dramatisch hellen Sonnenstrahlen erinnerte nichts mehr an die Bilder, die mich Wochen zuvor bei der aufgeregten Suche nach Fotos der Äußeren Hebriden so begeistert hatten. Ich beobachtete einen der Fährmänner, dessen gelbe Signaljacke sich grell von der grauen Umgebung abhob. Er schrubbte mit einem Besen die Schiffsaußenwand. Vielleicht war das unbedingt nötig, um alles in Schuss zu halten, oder er langweilte sich genauso sehr wie ich. Mir war nämlich stinklangweilig.
Ich dachte immer noch an den Unfall. Das Einzige, was mir auf meiner frühmorgendlichen Fahrt vom Hotel zum Fährhafen ins Auge gestochen war, während sich die winterlichen Hügel und verstreut liegenden Häuser langsam aus der Dämmerung schälten, war der Unfallort gewesen. Ich hatte mich an den Becher mit scheußlichem Maschinenkaffee geklammert, den ich von dem verschlafenen Mädchen an der Rezeption geschnorrt hatte, und mich gefragt:Wie kann man so unglücklich in einem schmalen Straßengraben landen? Es war eine merkwürdige Stelle für so einen Unfall, und angesichts dessen und des verstörenden Gedankens, es könnte Verletzte oder gar Tote gegeben haben, schien die vor mir liegende sechsstündige Reise unter keinem guten Stern zu stehen.
Ich musste versuchen, dieses Gefühl abzuschütteln. Sechs Stunden sind eine lange Zeit, um in düsterer Stimmung auf den grauen Horizont zu starren, außerdem musste ich dieses Wochenendeunbedingt genießen. Die Party sollte mein persönlicher Wendepunkt sein, der Start in ein besseres Jahr. Neues Jahr, neues Ich. Nicks Einladung im November war seit einer Ewigkeit das erste erfreuliche Ereignis gewesen.Darf ich dich in Versuchung führen?, lautete die überraschende Betreffzeile der E-Mail, überraschend auch deshalb, weil sie von einem Menschen stammte, mit dem ich monatelang nicht gesprochen hatte. Den ich vermisste.
Hi, Millie,
hab mich lange nicht gemeldet. Ich weiß, das kommt jetzt völlig unerwartet und ist vielleicht sowieso nicht dein Ding, aber … ich will mit ein paar Freunden zu dieser Silvesterfeier, und einer ist abgesprungen.Sollt’ alte Freundschaftdenn vergessen sein / Erinn’rung uns entgleiten? In deinem Fall: nein! Mit niemandem würde ich lieber einen Becher der Freundschaft leeren als mit dir, also bitte komm, falls du dir die Reise zumuten willst.
Nick x
Und unter seinem Namen die Einladung: Schottenkaro in Neonfarben, ein paar Hirschsilhouetten und die Worte »Feiern wie 1899«.
Du bist ganz herzlich zu einer exklusiven Hogmanay-Feier auf der Isle of Osay in Fairweather House eingeladen. D