Prolog
Bremen, 18. April 1874
Die Tür schlug hinter ihr ins Schloss. Es gab kein Zurück mehr.
Bettina Vosskamp, elf Jahre alt, stand frierend im Seiteneingang des schönsten Hauses am Bremer Markt: dem Teepalast. Schlagartig machte ihr die Kälte dieses Vorfrühlingstages klar, dass das Abenteuer begonnen hatte. Ein steter, frostiger Wind trieb Wolken vor sich her, die nichts Gutes verhießen.
Sie verknotete ihr Kopftuch unter dem Kinn und lugte vorsichtig zum Standbild des Bremer Roland. Ja, er lächelte. Mild und großzügig, dieser riesige steinerne Mann, der mit Ritterschwert und Schild Wacht hielt über die Freiheit der Stadt.
Ich will auch frei sein, dachte sie. Du verstehst mich. Dann wandte sie sich ab und lief in die schmale Gasse hinter dem Schütting Richtung St. Ansgarii. Vorne, auf dem Marktplatz, herrschte reges Treiben. Aber nur ein paar Schritte weiter, in den Schatten der kleinen Gassen, warteten zerlumpte Gestalten auf das Mittagsläuten vom nahen Dom. Sie hatten sich hinter dem Gildehaus der Kaufleute zusammengefunden, um die Ersten zu sein, wenn der Teepalast die Pforte an der Rückseite des Hauses für sie öffnen würde. Dann gab es Tee für die Armen – heiß und süß –, und das übrig gebliebene Gebäck vom Vortag.
Doch damit könnte es bald vorbei sein. Unnütze Geldausgabe, hatte Bettinas Vater Joost behauptet. Sie mussten Geld einnehmen und nicht zum Fenster hinauswerfen. Der Teepalast war ein Restaurationsbetrieb mit Ladengeschäft und nicht der vaterländische Frauenverein vom Roten Kreuz.
Hartherzigkeit hatte Großmutter Helene ihrem Sohn vorgeworfen. Es war der letzte Streit der beiden Starrköpfe gewesen. Nur einer von vielen, aber er musste zu diesem Bruch geführt haben. Helene war nach Indien zu ihrer Teeplantage aufgebrochen, und alle vermuteten, dass sie nie mehr zurückkommen würde.
Bettina vermisste ihre Großmutter so sehr, dass es wehtat. Ihre Eltern waren sicher gute Christenmenschen, aber Helene war viel mehr: gütig, liebevoll, großzügig, und etwas, das sie besonders machte und sich nur hinter vorgehaltener Hand zugeflüstert wurde – frivol. Bettina hatte nur eine vage Vorstellung davon, was das sein könnte. Aus dem Mund ihrer Eltern klang es wie etwas Schlechtes. Aber wenn die Damen, die nachmittags in den Teepalast auf eine Tasse Brenny’s kamen, in den Modezeitungen blätterten und den neuesten Klatsch und Tratsch austauschten, hatte das Wort einen fast bewundernden Klang. Frivol.
Vielleicht war das, was Bettina vorhatte, auchfrivol. Ihr Vater würde es wohl Fisimatenten nennen, ihre Mutter war härter.Buurdeern – du benimmst dich wie ein Bauernmädchen.Fluddertrine. HastGrappen in’n Kopp.Da kriggt man jo dat Gräsen, wenn ich dich seh! Nein, liebevoll war Bettinas Mutter nicht. Und bei den Beschimpfungen, die bei der geringsten Kleinigkeit auf Bettina herunterprasselten, gab sie sich auch gar nicht erst die Mühe, hochdeutsch zu reden, wie sie das sonst mit den feinen Damen im Teepalast machte, sondern verfiel ins Hamburger Platt ihrer Heimatstadt.Grote Klappe un keen Bodder up’n Kopp. Große Klappe und nichts dahinter. Frech. Aufsässig. Gefräßig. Am Schlimmsten war, dass sie Bettina nach diesem letzten großen Streit um den Tee für die Armen strikt verboten hatte, hinauf zu ihrer Großmutter zu gehen.
Und so war Hele